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Wie Corona mein Leben verändert

vom 01.04.2020
von N. N.

Einerseits: nicht so viel; ich fahre weiter und wie immer mit dem Rad zur Arbeit, so lange, bis es mir untersagt wird. Für Homeoffice sind wir bei einem großen Sozialversicherungsträger technisch nicht ausgerüstet.

Wie schon fast immer lebe ich allein, mache meine Besorgungen und Ausflüge mit dem Rad und auf Inlinern allein.

Aber alle sonst regelmäßigen Außenkontakte sind abgebrochen: kein Chor, kein Schwimmbad, kein Literaturkreis, keine Kochgruppe, kein Feierabendtreff mit Freunden ...

Plötzlich ist man eine Aussätzige. Familien treffen sich noch, ich bin außen vor. Freundinnen kommen nicht mehr zum Essen, zum Beispiel weil dann der Sohn den Kontakt mit den Enkeln untersagt oder weil sie sich sonst nicht mehr trauen, ihre Eltern zu treffen.

Meine Tochter und Geschwister wohnen in anderen Bundesländern, ich kann sie nicht sehen. Meine Eltern leben nicht mehr.

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Nachbarn leben mit ihren Familien und bleiben jetzt unter sich.

Der Urlaub, den ich mit einer kleinen Wandergruppe in Griechenland verbringen wollte, fällt weg; mein Arbeitgeber verkündet, wenn man sich in Risikogebiete begebe und einen Infekt mitbringe, riskiere man pekuniäre und dienstrechtliche Sanktionen. So soll ich also allein in der Bude hocken und noch nicht mal meine ebenfalls alleinlebende Schwester, die mit nach Griechenland wollte, in der Eifel besuchen dürfen. Es ist absurd! Ich habe in den vergangenen fünf Jahren einen einzigen Tag wegen einer Erkältung bei der Arbeit gefehlt, entweder bin ich nicht anfällig oder ich lebe ohnehin schon so distanziert zu meinen Mitmenschen, dass ich mich nicht anstecke. Und jetzt will man mich völlig isolieren. Ich kenne viele noch sehr viel ältere Alleinstehende, als ich (62), die (am Telefon) sagen, sie wollen sich nicht so einschränken und isolieren lassen, lieber sterben. Mir (und ihnen auch) fehlt das Verständnis für die Aufregung darüber, dass multimorbide, gar demente alte Menschen an einem Infekt, und sei es Corona, sterben. Ich finde den Aufwand, der betrieben wird, das zu verhindern, völlig unangemessen. Die Zeche müssen unsere Kinder und Enkel noch lange bezahlen. Großveranstaltungen abzusagen und Tanzlokale und Bars zu schließen, kann ich noch verstehen; Aufklärung über Ansteckungswege ist auch richtig. Ich gehe keineswegs leichtfertig mit Kontakten um und beachte die Abstands- und Hygieneregeln. Aber jeden privaten Kontakt zu tabuisieren und den Virus wie einen Dämonen durch die Gesellschaft wabern zu lassen, ist nicht richtig. Ich höre von Freunden, dass es Denunziationen gibt, wenn auf der Straße drei Jugendliche stehen und sich unterhalten. Warum kann sich nicht jeder, der Angst hat, selbst und freiwillig isolieren? Ich habe keine Angst. Ich lebe in Frieden mit dem Gedanken, dass das Leben endlich ist und es auch mich erwischen kann. Schade wär’s freilich, aber so ist das Leben. Was uns jetzt aufoktroyiert wird, ist der Tod schon vor dem Ende des Lebens. Die Politik ist zu feige, im Sinne des Lärm- und Umwelt- und Gesundheitsschutzes ein längst fälliges Verbot des privaten Personenkraftverkehrs in den Innenstädten oder ein Tempolimit auf den Autobahnen auszusprechen, obwohl doch Umweltsünden und Verkehr auch viele Tode verursachen; die sind anscheinend politisch korrekt; die Coronatoten sind es nicht.

Mein Gebet? Tägliche Gymnastik, alle zwei Tage etwas joggen, niemandem zu nahe kommen, singend auf dem Rad zur Arbeit fahren und Oosterhuis-Lieder oder die Lieder des Chores auf der Flöte spielen ... Und täglich dankbar sein, dass das nicht vor zwei Jahren war, als ich wegen einer Rückenproblematik keine zehn Meter laufen konnte und das Schwimmbad noch mehr brauchte als jetzt ... Zu einem außenstehenden Gott beten kann ich schon lange nicht mehr, da halte ich‘s mit Willigis Jäger: Gott in mir. Mein Gottesdienst besteht unter anderem darin, mich körperlich möglichst fit zu halten, ohne die Fitness zum Götzen zu machen, um für andere da sein zu können und an meinem Dasein möglichst viel Freude zu haben, auch an bequemen Sesseln und guter Literatur ...

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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