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kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2017
Was ist eine christliche Ehe?
Ein evangelisch-katholischer Disput
Der Inhalt:

Was ist eine christliche Ehe?

In der Bewertung der »Ehe für alle« liegen die evangelische und die katholische Kirche weit auseinander. Ein Gespräch mit der evangelischen Theologin Isolde Karle und dem katholischen Theologen Eberhard Schockenhoff. Das Titelinterview der neuen Ausgabe von Publik-Forum
Wollen jetzt eigentlich alle heiraten? Die Ehe gewinnt mit der neuen "Ehe für alle" rasant an Attraktivität. Manche Katholiken stört das. Manche Protestanten auch. (Illustrationen: iStock by Getty/Adekvat)
Wollen jetzt eigentlich alle heiraten? Die Ehe gewinnt mit der neuen "Ehe für alle" rasant an Attraktivität. Manche Katholiken stört das. Manche Protestanten auch. (Illustrationen: iStock by Getty/Adekvat)

Publik-Forum: Frau Karle, Herr Schockenhoff, worin besteht eine christliche Ehe?

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 15/2017 vom 11.08.2017, Seite 26
Was ist eine christliche Ehe?
Was ist eine christliche Ehe?
Ein evangelisch-katholischer Disput

Isolde Karle: In der Eheschließung zwischen zwei Menschen, die diese Verbindung im Horizont des christlichen Glaubens eingehen. Ich muss aber dazu sagen, dass in der reformatorischen Theologie die Ehe ein »weltlich Ding« ist. Luther hat nie von der christlichen Ehe gesprochen, sondern hat die Lebensform der Ehe stets als etwas Weltliches verstanden. Allerdings kann sie sehr wohl christlich interpretiert und geführt werden. Aber es ist für die reformatorische Ehe-Theologie keine Voraussetzung, dass beide Partner getauft sein müssen.

Eberhard Schockenhoff: Schon im Schöpfungsbericht wird die Verschiedenheit von Mann und Frau betont. Damit verbunden ist der Auftrag zur Fruchtbarkeit, also die empfangene Liebe Gottes weiterzugeben. Wenn man das als einen positiven Auftrag Gottes versteht, dann gehört zur Ehe, dass es sich um eine Lebensgemeinschaft von Frau und Mann handelt, die freiwillig eingegangen und mit dem Willen zur Treue geschlossen wird. Außerdem, dass sie unauflöslich und offen für Fruchtbarkeit ist – im biologischen Sinne für die Nachkommenschaft, aber auch im übertragenen Sinne im Engagement für Dritte, sodass sich die eheliche Liebe nicht in einer Zwei-Einheit abkapselt.

Ist die Verschiedenheit von Mann und Frau eine Grundbedingung?

Karle: Wenn man sich die Texte des Schöpfungsberichts historisch-kritisch anschaut, kann man aus ihnen keinen Geschlechter-Dualismus ableiten. Erst in der Neuzeit kommt die Idee auf, dass Mann und Frau gegensätzlich sind, gegensätzliche Tugenden verkörpern und sich in ihrer Gegensätzlichkeit ergänzen. Der Antike ist dieses Denken fremd. Es gab hierarchisch-patriarchalische Denkmuster, aber keine Geschlechterzuschreibungen, wie sie in der Neuzeit entstanden sind.

Schockenhoff: Es stimmt zwar, dass sich in der frühen Neuzeit ein bestimmtes Ideal herausgebildet hat. Aber dass das Gegenüber und das Zusammenwirken von Frau und Mann erst dort in seiner Bedeutung erkannt wurde, halte ich für sehr spekulativ.

Karle: Die Pointe des Schöpfungsberichtes besteht in der Gottebenbildlichkeit, die nicht nur dem – männlichen – Pharao wie in der altorientalischen Königsideologie zukommt, sondern auch Frauen und damit allen Menschen.

Schockenhoff: Das stimmt. Aber den Schöpfungsauftrag und die gottgewollte Dualität der Geschlechter aus der Erzählung herauszufiltern, halte ich für eine hermeneutische Entsorgungsstrategie, die zu einem bestimmten Ergebnis kommen will.

Karle: Selbst wenn man diese Dualität in die Schöpfungsgeschichte hineinlesen will, so muss man doch sehen, dass Paulus im Galaterbrief (3, 28) diese Vorstellung relativiert, wenn er schreibt: »Hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus.« Durch die Taufe, also durch die Neuschöpfung in Christus, werden alle Bestimmungen durch Herkunft, Geschlecht und Ethnie grundlegend relativiert. Deshalb konnten Frauen auch Führungspositionen in der frühen Kirche übernehmen.

Schockenhoff: Paulus relativiert das Frausein und Mannsein insofern, als er sie in Beziehung zu dem Einssein beider in Christus setzt. Dadurch wird jedoch die schöpfungstheologische Grundbestimmung von Genesis 1, 27 nicht aufgehoben. Eine derartige platonisierende Abwertung der Schöpfung wäre mit der Anthropologie des Apostels unvereinbar. Im Übrigen ist die Dualität der Geschlechter als Voraussetzung für eine Ehe keine katholische Sonderlehre, sondern eine Grundaussage der gesamten Kulturgeschichte. Selbst in Kulturen, die gegenüber gleichgeschlechtlicher Sexualität sehr aufgeschlossen waren, gab es nie ein eheanaloges Rechtsinstitut. Einzige Ausnahme ist eine kleine Zeitspanne im Römischen Reich während der Kaiserzeit, als es Männerehen gab. Ansonsten wird die Ehe in der gesamten Kulturgeschichte der Menschheit als die Partnerschaft von Mann und Frau angesehen.

Warum ist der katholischen Kirche die Dualität der Geschlechter und die Offenheit für Nachkommenschaft so wichtig?

Schockenhoff: Dahinter steckt eine wichtige anthropologische Erkenntnis: Die Differenz zwischen Frau und Mann ist die grundlegendste Differenz des Menschseins. Andere Unterschiede, etwa zwischen arm und reich, gesund und krank, kann man durch Sozialreformen oder durch medizinische Fortschritte zurückdrängen. Selbst der Unterschied zwischen jung und alt ist relativ, weil jeder junge Mensch einmal alt wird. Aber die Unterscheidung zwischen Frau und Mann lässt sich, auch wenn sie kulturell unterschiedlich ausgeprägt ist, nicht aufheben. Auch verstehen wir heute besser, dass es zahlreiche Menschen gibt, die sich in einem männlichen oder weiblichen Körper fremd fühlen – daraus folgt das Gebot, dass wir diese Menschen in ihrem Anderssein achten, respektieren und wertschätzen wie jeden anderen auch. Aber die grundsätzliche Dualität der Geschlechter als Muster des Menschseins und des Lebens ist deswegen nicht aufgehoben.

Was war an der bisherigen Regelung der eingetragenen Partnerschaft aus theologischer Sicht kritikwürdig?

Karle: Die eingetragene Partnerschaft war zunächst einmal ein großer Fortschritt, insofern sie überhaupt eine rechtliche Regelung für schwule und lesbische Paare schuf. Diese Regelung war relativ eheanalog, enthielt aber noch das sogenannte Abstandsgebot, wonach eine Ehe nur zwischen Mann und Frau geschlossen werden kann und nur in einer Ehe Namensgleichheit hergestellt und Kinder adoptiert werden können. Dieses Abstandsgebot wurde zunehmend kritisiert – auch von der evangelischen Theologie. Die Mehrheit der deutschsprachigen evangelischen Theologinnen und Theologen sagt: Entscheidend für ein christliches Eheverständnis sind die Werte, die damit verbunden sind, also Treue, Verlässlichkeit, Verantwortungsübernahme, Respekt vor dem Anderen – und das ist nicht an das Geschlecht eines Menschen gebunden. Überall dort, wo zwei Menschen eine solche Beziehung öffentlich eingehen wollen – bis dass der Tod sie scheidet –, da ist diese Beziehung faktisch eine Ehe und darf nicht nur als eine eheanaloge Partnerschaft behandelt werden. Erfreulicherweise hat der Bundestag dies nun so beschlossen, sodass es zu einer vollständigen Gleichbehandlung kommt.

Schockenhoff: Nach meiner Überzeugung hat die katholische Kirche einen schwerwiegenden Fehler begangen, als sie die eingetragene Partnerschaft ablehnte. Auch gleichgeschlechtlich empfindende Menschen haben ein Recht, dass ihre Lebenspartnerschaft, in der Solidarität, Treue, Verbindlichkeit und Verantwortung gelebt werden, öffentlich und religiös als etwas moralisch Achtenswertes anerkannt wird. Die katholische Kirche muss noch lernen, diesen berechtigten Anspruch homosexueller Paare positiv zu sehen und zu würdigen. Ich gebe aber zu, dass auch ich Zeit gebraucht habe, bis ich zu dieser Einsicht gekommen bin.

Warum bekämpft die katholische Kirche auch die eingetragene Partnerschaft so vehement und entlässt alle Mitarbeiter, die eine solche eingehen?

Schockenhoff: Das hängt mit ihrem negativen moralischen Urteil über die homosexuelle Praxis zusammen. Zwar hat sie dieses Urteil etwas korrigiert, weil sie erkannt hat, dass Homosexualität nicht etwas ist, das man sich aussucht, sondern Teil der Schöpfung und der Natur. Daher heißt es im Katechismus zwar, dass Homosexuelle nicht diskriminiert werden dürfen. Aber solange die katholische Kirche daran festhält, dass gleichgeschlechtliche Handlungen in sich ungeordnet und moralisch nicht zu billigen sind, ist das ein Widerspruch in sich und eine Diskriminierung. Denn das empfinden homosexuell fühlende Menschen so, als würden sie in ihrem Anderssein zurückgewiesen. Dieses negative moralische Urteil spiegelt sich selbst noch in dem Lehrschreiben »Amoris Laetitia« von Papst Franziskus wider, das sich sonst jeglicher Verurteilung enthält. Doch in diesem Punkt heißt es erstaunlich schroff, dass es keine Analogie zwischen der Ehe und gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften geben könne. Aber Analogie meint ja gerade: Etwas ist in einer Hinsicht vergleichbar, in einer anderen jedoch nicht. In den moralischen Werten von Solidarität, Treue, Verlässlichkeit ist eine eingetragene Partnerschaft mit einer Ehe vergleichbar. Einzigartig ist sie insofern, als aus der Lebensgemeinschaft von Frau und Mann Kinder hervorgehen.

Längerfristige und treue Verantwortung füreinander können auch Menschen übernehmen, die keine sexuelle Beziehung miteinander haben. Sollten diese auch eine Ehe eingehen können, falls sie dies wünschen?

Karle: Prinzipiell denkt man bei einer Ehe tatsächlich an eine Gemeinschaft, die Sexualität mit einschließt. Aber es gibt auch asexuelle Menschen, die eine tiefe Partnerschaft eingehen wollen. Ich würde Sexualität nicht zum Prüfkriterium machen wollen, sondern aus protestantischer Sicht sagen: Das geht uns nichts an. Entscheidend ist die Idee der verbindlichen Partnerschaft.

Schockenhoff: Wenn man wirklich möchte, dass der Staat die Ehe nicht wegen ihrer Offenheit auf Nachkommenschaft unter besonderen Schutz stellt, sondern in erster Linie wegen der dort übernommen Verantwortung, dann müsste man auch fairerweise all jene Verantwortungsgemeinschaften als Ehe würdigen und mitbedenken, in denen Sexualität keine Rolle spielt. Das Schlagwort »Ehe für alle« hat im Unterschied zur »Homo-Ehe« eine positive Konnotation, ist aber nicht semantisch korrekt.

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Katholische Bischöfe, aber auch Laien haben den Politikern vorgeworfen, sie hätten den Begriff der Ehe ausgehöhlt und nach den Bedürfnissen des Zeitgeistes umgeformt. Was sagen Sie dazu?

Karle: Ich würde sagen, dass die Ehe, die in der jüngeren Geschichte durchaus ihre Krisen hatte und vielfach auch von Heterosexuellen infrage gestellt wurde, dadurch wieder an Attraktivität gewinnt. Weil man sieht, dass diese Institution wandlungsfähig ist, dass sie sich an veränderte Bedingungen anpassen kann und mit ihr nicht notwendigerweise ein Geschlechterarrangement einhergeht, in dem letztlich Frauen zurückstecken. Dass die Ehe den Patriarchalismus hinter sich lassen konnte, dass sie sich hinsichtlich des Mann-Frau-Verhältnisses und nun noch einmal durch ihre Öffnung auf gleichgeschlechtliche Paare modernisiert hat, macht sie auf neue Weise attraktiv. Es ist doch eine erstaunliche Sache, dass Lesben und Schwule, die noch vor ein paar Jahrzehnten die bürgerliche Ehe als spießige Lebensform komplett abgelehnt haben, diese nun selbst anstreben, weil sie Stabilität, Schutz und Bestätigung von außen vermittelt. Daran sollten die Kirchen ein unmittelbares Interesse haben, weil sie ja wollen, dass Menschen ihre Sexualität in einer dauerhaften und verbindlichen Beziehung leben.

Schockenhoff: Die Politik ist zumindest sehr leichtfertig damit umgegangen. Sie beruft sich darauf, dass sich die gesellschaftlichen Auffassungen geändert hätten. Doch nach wie vor leben viele Menschen erst informell zusammen und geben ihrer Beziehung einen festen Rahmen, wenn sich ein Kind ankündigt. Drei Viertel aller Kinder leben bei ihren eigenen Eltern, die miteinander verheiratet sind. Das deutet darauf hin, dass diese Vorstellung der Ehe in der Bevölkerung ihren Rückhalt hat. Die Ehe unterliegt laut Verfassung dem besonderen Schutz. Das heißt: Der Gesetzgeber darf keine Maßnahmen ergreifen, die die wesentlichen Elemente dieses Rechtsinstituts infrage stellen. Daher ist es schon fragwürdig, wenn der Bundestag dies mit einfacher Mehrheit beschließt. Meiner Meinung nach wäre dazu eine Verfassungsänderung mit einer Zweidrittelmehrheit notwendig gewesen. Ich hätte mir gewünscht, dass sich ein großer parteiübergreifender Konsens gebildet hätte, der mit einer verfassungsändernden Mehrheit den Artikel sechs des Grundgesetzes wie folgt geändert hätte: »Ehe, Familie und auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaften stehen unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes.« Dann hätte man klargestellt, dass es zwar eigenständige Lebensgemeinschaften gibt, aber keine diskriminierenden Wertungen.

Wenn ein gleichgeschlechtliches Paar eigene Kinder haben will – klammern wir die Adoption einmal aus –, kommt automatisch eine dritte – andersgeschlechtliche – Person ins Spiel, sei es als Samenspender oder als Leihmutter. Ist das theologisch kein Problem?

Karle: Das sind schwierige ethische Fragen. Hinsichtlich der Samenspende hat man – so finde ich – eine gute Regelung getroffen, indem man die anonyme Samenspende verboten hat. Denn es kann für das Kind später sehr wohl wichtig sein zu wissen, wer sein biologischer Vater ist. Wir wissen von Heranwachsenden, dass die Anonymität des biologischen Vaters für sie ein echtes Problem ist. Aber, wie gesagt: Diese Frage ist inzwischen gut geregelt. Bei der Eizellspende ist es schon komplizierter, und Leihmutterschaft finde ich persönlich ganz schwierig. Dass Frauen, die arm und unterprivilegiert sind, für andere Frauen Kinder austragen, um auf diese Weise etwas Geld zu verdienen, halte ich für sehr problematisch. Man kann sich nicht alles kaufen.

Schockenhoff: Die Vorstellung, dass die Eheleute an der schöpferischen Liebe Gottes Anteil haben und dort, wo sie sich in ihrer Liebe am nächsten kommen, gleichzeitig beschenkt werden durch die Gabe der Nachkommenschaft, ist ein wichtiger theologischer Gedanke. Man kann ihn auch so deuten, wie es das Zweite Vatikanische Konzil tut: Gott selbst legt seine schöpferische Liebe in die Hand der Eheleute, die berufen sind, Interpreten seiner Liebe zu sein. Das halte ich für einen großartigen positiven Sinnzusammenhang. Wenn dieser Zusammenhang in viele Teilfunktionen aufgelöst wird und dritte, unbeteiligte Personen ins Spiel kommen, die möglichst ihre Identität nicht vollständig offenbaren sollen, damit nicht ein Sprengsatz in die intime Zweierbeziehung der Eheleute gelangt, wird es sehr problematisch. In einer lesbischen Partnerschaft ist es noch verhältnismäßig einfach, bei einer schwulen Partnerschaft muss jedoch noch eine Leihmutter in Dienst genommen werden. Dagegen gibt es zahlreiche berechtigte Einwände. Möglicherweise kommt es aber dazu, dass wir in ein paar Jahren eine völlig neue Debatte über Leihmutterschaft haben, weil man argumentiert: Um eine schwule Partnerschaft nicht gegenüber einer lesbischen Partnerschaft zu diskriminieren, muss man auch einem schwulen Paar alle Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin erlauben.

Die Haltung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur Ehe für alle ist nicht nur innerhalb der christlichen Kirchen, sondern auch innerhalb der evangelischen Kirchenfamilie weltweit eine Ausnahme. Insbesondere im afrikanischen Kulturkreis ist der Widerstand groß. Fühlen Sie sich als Avantgarde?

Karle: Das ist ein schwieriges Problem. Da gibt es große Empfindlichkeiten, die von der Kolonialgeschichte herrühren. Man darf auch nicht vergessen, dass sich die afrikanischen Kirchen mühsam an das viktorianische Ehemodell angepasst haben – und entsprechend verstimmt reagieren, wenn wir ihnen jetzt sagen: Es ist wieder falsch. Ich denke, da muss man interkulturell sehr behutsam sein. Nichtsdestoweniger meine ich, dass es ganz wichtig ist, die Ehe für alle zu öffnen, die sie praktizieren wollen. Es gibt in Afrika ja auch andere Stimmen. Denken sie an Desmond Tutu, der sich sehr stark für die »Gay community« und seine lesbische Tochter engagiert hat, als diese heiratete und plötzlich nicht mehr als anglikanische Priesterin tätig sein durfte. Es gilt, auch die homosexuelle Minderheit in Afrika zu unterstützen. Lesben und Schwule wurden so lange – nicht nur, aber auch – von den Kirchen verfolgt und unterdrückt. Bis zum heutigen Tag gibt es bedrückend traurige Geschichten der Diskriminierung, die die Glaubwürdigkeit des christlichen Glaubens infrage stellen. Insofern ist es für mich ein Gebot der Seelsorge und der Buße, alles dafür zu tun, dass homosexuelle Menschen sich genauso angenommen und akzeptiert fühlen können wie heterosexuelle Menschen.

Was glaubt die evangelische Kirche theologisch erkannt zu haben, was andere Kirchen noch nicht erkannt haben oder nicht erkennen wollen?

Karle: Die evangelische Kirche fußt ja auf reformatorischer Theologie. Und ein signifikanter Punkt der Reformatoren war, dass Sexualität nicht nur im Hinblick auf die Fortpflanzung legitim ist, sondern zur Conditio humana gehört. Fortpflanzung kann ein Begleitphänomen der Sexualität sein, aber sie hat zunächst einmal einen Sinn in sich selbst – als Bereicherung und Vertiefung einer intimen Partnerschaft. Spätestens seit den 1960er-Jahren ist klar, dass es keine unmittelbare Verknüpfung zwischen Sexualität, Eheschließung und der Gründung einer Familie mehr gibt. Warum gerade in dieser Frage die Emotionen so hoch gehen – übrigens auch in der evangelischen Kirche –, kann ich mir nur durch die lange Konfliktgeschichte zwischen Religion und Sexualität erklären.

Schockenhoff: Ich bedauere, dass wir nicht mehr gemeinsam über Ehe und Familie sprechen können. Noch vor ein paar Jahren war die Argumentation, die ich hier skizziert habe, mit der evangelischen Position weitgehend identisch. Dass es jetzt gar nicht mehr auf die institutionelle Ordnung einer Lebensform ankommen soll, sondern nur noch auf die darin gelebten moralischen Werte, halte ich für einen Rückschritt. Wenn man an der Einzigartigkeit der verschiedengeschlechtlichen Ehe festhält, diskriminiert man ja nicht automatisch gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften, sofern man deren Recht auf eine eigenständige angemessene Institution nicht infrage stellt.

Aber genau das tut die katholische Kirche.

Schockenhoff: Deshalb ist die katholische Kirche mitschuldig daran, dass ihre Argumente so wenig Gehör finden. Das zentrale und berechtigte Anliegen der Gesellschaft ist es ja, jede Diskriminierung homosexueller Menschen zu vermeiden. Weil die katholische Kirche aber bis heute auch die eingetragene Partnerschaft bekämpft und homosexuelle Praxis pauschal verurteilt, glaubt man ihr nicht, wenn sie behauptet, sie wolle homosexuelle Menschen nicht diskriminieren.

Wird der ökumenische, interreligiöse und interkulturelle Dialog wegen dieser Streitfragen schwieriger werden?

Karle: Er wird sicher nicht leichter werden. Aber dem muss man sich stellen. Es gilt, auch jenen Menschen, die andere Überzeugungen haben, mit Respekt zu begegnen und mit guten Argumenten dafür zu werben, damit sich die Situation und das Bibelverständnis allmählich ändern.

Schockenhoff: Ich denke auch, dass diese Streitfrage den ökumenischen, interreligiösen und interkulturellen Dialog belasten wird. Aus Sicht des Judentums und des Islams ist – zumindest in der Mehrheitsmeinung der Theologie – die »Ehe für alle« eine dekadente Form der westlichen Kultur. Ich übernehme dieses Urteil nicht, aber damit wird man sich auseinandersetzen müssen.

Was würden Sie sich wünschen?

Karle: Dass die Kirchen sich noch offensiver einsetzen für die Gleichstellung von Lesben und Schwulen – und dass man über die eigentlich schwierigen Fragen der Sexualität differenziert und gelassen nachdenkt. Über Jugendsexualität wird zum Beispiel in der Kirche überhaupt nicht gesprochen – auch nicht über den sexuellen Erwartungsdruck, dem Jugendliche heute ausgesetzt sind. Es kann nicht darum gehen, in einer übersexualisierten Gesellschaft alles gut zu finden, nur weil man kirchlicherseits jahrzehntelang ein schwieriges Verhältnis zur Sexualität gepflegt hat. Was aber haben Kirchen und Theologie im Hinblick auf die komplexen Fragen moderner Lebensführung heute auf diesem Feld Hilfreiches zu sagen? Hier gibt es noch Reflexionsbedarf.

Schockenhoff: Dass meine eigene Kirche dazu findet, gleichgeschlechtlichen Menschen gegenüber ihre bisherigen Vorbehalte aufzugeben und ihnen nicht länger das Recht abspricht, ihre Beziehung zu leben. Dann kann sie auch glaubwürdiger dafür eintreten, dass nur die Lebensgemeinschaft von Frau und Mann eine Ehe ist.

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