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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2014
Gebt den Kindern das Spiel zurück!
Wie fairer Fußball geht
Der Inhalt:

Vom Berner Wunder zum »Kader unser«

von Lutz Lemhöfer vom 16.06.2014
Heute bestreitet die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihr erstes WM-Spiel gegen Portugal. Millionen Deutsche fiebern mit. Für viele ist Fußball weit mehr als nur ein Spiel. Der Sport inszeniert sich wie eine weltweite Pop-Religion, manchmal auf lustvoll-spielerische Weise, manchmal aber auch geschmacklos
Für Fans geht es beim Fußball immer "ums Ganze": Spielertrikots werden behandelt wie Reliquien, bei einem  unerwarteten Sieg reden alle gleich von einem "Wunder". Der Fußballsport kommt der Religion manchmal ganz schön nahe  (Foto: Paul Prescott/Fotolia)
Für Fans geht es beim Fußball immer "ums Ganze": Spielertrikots werden behandelt wie Reliquien, bei einem unerwarteten Sieg reden alle gleich von einem "Wunder". Der Fußballsport kommt der Religion manchmal ganz schön nahe (Foto: Paul Prescott/Fotolia)

Wunder, so weiß es der katholische Volksglaube, können herbeigebetet werden. Das dachte sich im Mai dieses Jahres wohl auch der evangelische Pastor Patrick Klein von der Hamburger St.-Jacobi-Kirche. Gegen den drohenden erstmaligen Abstieg des Hamburger Sportvereins (HSV) aus der Ersten Fußball-Bundesliga formulierte er fürs Privatradio ein »Kader-unser«-Gebet zum »Fußball-Vater im Himmel«. Beschworen wurde darin das Schicksal des Bundesliga-Dinos: »Geheiligt werde deine Erstklassigkeit« – erfolgreich, wie wir inzwischen wissen. Der Fußballgott ist offenbar gnädig gegenüber grober Geschmacklosigkeit.

Über den konkreten Anlass hinaus ist diese grenzwertige Morgenandacht ein Beleg dafür, wie unerwartet nahe sich Sport und Religion bisweilen kommen. Neu ist das freilich nicht, wie ein kleiner Rückblick auf ein anderes fußballerisches Wunder vor sechzig Jahren beweist. Damals, 1954 in der Schweiz, wurde eine Fußballweltmeisterschaft zu einer Art Erweckungserlebnis für die Deutschen: das »Wunder von Bern«.

Die Metapher des Wunders war urplötzlich in aller Munde. Schon frühe Siege des Außenseiters Deutschland während des Turniers wurden so bezeichnet: Das »Wunder von Genf« (2 : 0 gegen Jugoslawien) und das »Wunder von Basel« (6 : 1 gegen Österreich) gingen dem ultimativen »Wunder von Bern« (3 : 2 im Endspiel gegen Ungarn) voraus, sodass der Sporthistoriker Arthur Heinrich in seinem Buch »3 : 2 für Deutschland« spöttisch notierte: »Wunder über Wunder waren über das Land gekommen, in einer selbst der christlichen Heilslehre unbekannten Häufung.«

»Toor! Toor! Toor! Tor für Deutschland«

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