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Versöhnung auf dem Sterbebett

von Michael Schrom 20.02.2019
Papst Franziskus hat Ernesto Cardenal als Priester rehabilitiert und alle Sanktionen aufgehoben, die Papst Johannes Paul II. wegen seines politischen Engagements gegen ihn verhängt hat

Der Wunsch ging von Ernesto Cardenal aus, der sich – schwer krank – am Ende seines Lebens mit der Institution versöhnen wollte, durch die er in seinem Denken und Handeln maßgeblich geprägt wurde und in der er seine christlichen Ideale und Utopien lebte. Aber auch mit jener Institution, die ihm später die Luft zum Atmen nahm, die ihn ausgrenzte und ausstieß. Unvergessen ist die Szene, in der ihm Papst Johannes Paul II. bei seiner Reise durch Südamerika den Gruß verweigerte. Dieser steht nun, mehr als 30 Jahre später, ein anderes Bild entgegen: Eine Eucharistiefeier mit dem vatikanischen Nuntius am Krankenbett.

Man kann das als eine anrührende, private Versöhnungsgeschichte interpretieren. Aber es geht hier um mehr als einen alten Mann, der nach einem bewegten Leben seinen Frieden mit der Kirche schließen will. Ernesto Cardenal verkörperte jene christlich grundierte politische Leidenschaft, die heute so schmerzhaft vermisst wird. »Der wirkliche Revolutionär ist ein Feind der Gewalt. Er will das Leben und nicht den Tod.« Dieser Satz von Ernesto Cardenal bringt auf den Punkt, warum es gehen muss: Um die Utopie einer künftigen gewaltfreien Gesellschaft, die in der Gottes- und Nächstenliebe verankert ist.

Ernesto Cardenal verkörperte jenen Typ des Priesters, den Rom lange Zeit nicht wollte und der jetzt so schmerzhaft vermisst wird: Hochgebildet, politisch interessiert, mit einer religiös-poetischen Sprache begabt, leidenschaftlich im Einsatz für eine bessere Welt – dabei demütig und ohne Selbstüberschätzung. Der ehemalige Schüler von Thomas Merton lebte eine Mystik der offenen Augen.

Für Cardenal gingen religiöse und politisch-kulturelle Indentitätsbildung Hand in Hand. Anders als in Europa, wo die Prozesse der Aufklärung und der politischen Freiheit immer zu einer Schwächung religiöser Identität geführt haben, versuchte Cardenal, Kampf und Kontemplation geistlich zusammenzudenken. So hat es Johann Baptist Metz in seiner Laudatio auf Cardenal formuliert, als ihm 1980 der Friedenspreis des deutschen Buchhandels zuerkannt wurde.

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Es ist tragisch, dass der politische Papst Johannes Paul II. in seiner Antipathie gegen alles, was ihm kommunismusverdächtig erschien, dies nicht sehen konnte oder sehen wollte. Und dass es mehr als 30 Jahre dauern musste, bis sich unter einem südamerikanischen Papst, der einer ermüdeten und skandalgeschüttelten Kirche vorsteht, die Perspektiven verschoben haben.

Cardenal hatte als »Sieger« nicht vergessen, was er als Verfolgter über die Ausübung von Macht, über Säuberungen und Gewalt gesagt hat. Schon früh distanzierte er sich vom autoritären Führungsstil Daniel Ortegas. In seinem letzten Interview mit Publik-Forum im August 2018 nahm er kein Blatt vor den Mund. Er hatte den Mut, Widerstand zu leisten, gegen alles, was die Ideale der Revolution verriet. Johann Baptist Metz nannte dies den »zweiten Mut«, der auf den ersten, revolutionären Mut zu folgen hat, wenn die Sieger der Geschichte in Trägheit, Überheblichkeit und Machtmissbrauch den Blick auf die Benachteiligten und die Opfer vergessen.

Heute braucht die Kirche den Mut, Widerstand zu leisten gegen alles, was die Ideale des Christentums verrät. Daher ist die Aussöhnung der Kirche mit Ernesto Cardenal kein »Gnadenakt« von oben – sondern ein zutiefst dialogisches Geschehen. Sie ist eine Gewissenserforschung und ein versöhnender Bußakt – gerade auch für den Vatikan.

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Joachim Glotz
22.02.201910:25
Wie andere unserer Professoren hat Ernesto Cardenal uns Theologiestudenten und Religionslehrer im Hinblick auf die Grundwerte des Christentums geformt.Dafûr herzlichen Dank! Auf der Liste der "Aussöhnung" stehen noch viele andere Namen. Wartet der Vatikan hier auch, bis sie auf dem Sterbebett liegen?