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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2014
Papst Franziskus und seine Gegner
Der Inhalt:

Sterbehilfe: An der Grenze

von Hartmut Meesmann vom 10.08.2014
Der Kirchenmann Nikolaus Schneider und seine Frau Anne haben die Debatte um die aktive Sterbehilfe neu entfacht. Ihr offener Umgang mit der Bedrohung durch den Krebs macht es überdeutlich: Ein ethisch-unfehlbares »So-und-nicht-anders« an der Grenze zwischen Leben und Tod überzeugt nicht
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider (rechts), und seine Frau Anne (links) sprechen öffentlich über die Bedrohung durch den Krebs: Ist Sterbhilfe im Fall der Fälle erlaubt? Im Juni gab Schneider bekannt, am 10. November 2014 wegen der Krebserkrankung seiner Frau von seinem Amt zurücktreten zu wollen. (Foto: epd/ Niemz)
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider (rechts), und seine Frau Anne (links) sprechen öffentlich über die Bedrohung durch den Krebs: Ist Sterbhilfe im Fall der Fälle erlaubt? Im Juni gab Schneider bekannt, am 10. November 2014 wegen der Krebserkrankung seiner Frau von seinem Amt zurücktreten zu wollen. (Foto: epd/ Niemz)

Ich erinnere mich noch genau, es war Ende der 1960er-Jahre: Die Nachbarsfamilie ging jeden Sonntag in den Gottesdienst: Vater, Mutter, Tochter. Eine vorbildliche katholische Familie. Dann bekam die Tochter ein uneheliches Kind. Für den Vater war das ein Skandal, ein unentschuldbarer Verrat an der katholischen Moral. Er verstieß die Tochter, wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben. Im Dorf waren viele Menschen empört: Ist es richtig, moralische Normen über die Liebe zum eigenen Kind zu stellen? Nein, sagten damals viele. Und auch ich als Jugendlicher konnte das nicht nachvollziehen.

Wäre Nikolaus Schneider, der scheidende Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, ein solcher Prinzipienreiter wie dieser Vater, dann würde er seine an aggressivem Brustkrebs erkrankte Frau Anne nicht in die Schweiz begleiten, wenn diese dort – sollte keinerlei Hoffnung auf Gesundung bestehen – organisierte Sterbehilfe in Anspruch nehmen will, wie sie selbst öffentlich erklärt hat. Denn Nikolaus Schneider selbst lehnt jede aktive und organisiert betriebene Sterbehilfe entschieden ab, und auch den Suizid.

Das Ehepaar hat kontrovers über diese ethisch herausfordernde Frage diskutiert, auch öffentlich. Aber für Nikolaus Schneider ist es keine Frage, seine Frau, sollte es so dramatisch werden, nicht im Stich zu lassen – weil er sie, mit der er über vierzig Jahre verheiratet ist, über alles liebt. Kann man sich vorstellen, dass ein Mann seine Frau in dieser Situation alleinlässt, weil er ihre ethische Entscheidung für falsch hält? Und darf der Privatmann Nikolaus Schneider nicht tun, was er für notwendig hält, weil er zugleich der höchste Repräsentant

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