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Letzter Brief an meine Mutter

vom 25.01.2021

von AW

Ich fragte an, ob ich Dich zum 90. Geburtstag, am 19. Dezember, besuchen könne. Es hieß, in Deinem Heim habe es zwar noch keinen Fall von Corona gegeben, aber trotzdem riet man mir: »… überlegen Sie noch einmal, ob Sie die weite Reise tatsächlich antreten wollen in dieser schwierigen Phase der Pandemie.« Meine Geschenke schickte ich an G., der Dich mit I. besuchte. Er schickte Fotos von Dir. Darauf siehst Du ganz munter aus. Am anderen Tag, so G., warst Du wieder völlig anders drauf.

Am Heiligabend erhielt ich eine Karte von Dir. Du klagtest wiederholt, dass Dein Leben schlimmer sei als der Tod und dass Du Dir wünschst, doch endlich sterben zu können. Gleichzeitig erhielt ich per Whatsapp Fotos von meinen Enkeln, wie sie gespannt auf das Christkind warten. Zu diesem Unterschied fielen mir die folgenden, sarkastisch klingenden Zeilen ein:

Kleine Kinder warten sehnsuchtsvoll
auf das Christkind.
Die alte Frau im Pflegeheim
auf den Tod.
Im besten Falle werden beide
heute noch überrascht.

In der Silvesternacht aber wurde dann ich von Dir überrascht: von Deinem Tod.

Zwei Tage zuvor hieß es noch, Du sollst gegen Corona geimpft werden. Jetzt hieß es, gleichzeitig mit der Todesnachricht, Du habest Corona gehabt. Gestorben aber seist Du, weil Du zwischen Bett und Rollstuhl hingefallen seist.

Dass Du gestorben bist und somit Dein Wunsch in Erfüllung gegangen ist, ist gut.

Die Umstände Deines Todes werden für mich allerdings immer unklar bleiben.

Wie sehr hätte ich Dir ein sogenanntes »einfaches Einschlafen« gewünscht.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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