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Kaddor: »Ein neues Wir-Gefühl fehlt«

Muslimische Verbände wollen die Muslime in Deutschland vertreten. Aber tun sie das eigentlich? Ein Kommentar von Lamya Kaddor
von Lamya Kaddor vom 08.07.2016
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Die muslimischen Verbände sollten eine gemeinsame Position zur Islamfeindlichkeit in Deutschland und zum muslimischen Antisemitismus entwickeln, fordert die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor. (Foto: pa/Eventpress Stauffenberg)
Die muslimischen Verbände sollten eine gemeinsame Position zur Islamfeindlichkeit in Deutschland und zum muslimischen Antisemitismus entwickeln, fordert die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor. (Foto: pa/Eventpress Stauffenberg)

Die Vereine der Muslime in Deutschland sind im Ursprung Kulturverbände; die meisten sind in den 1970er-Jahren entstanden. Leider haben sich viele davon bis heute nicht von den Herkunftsländern ihrer Mitglieder emanzipiert. Man sieht das derzeit im Streit um die Armenien-Resolution des Bundestages. Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) maßt sich an, politisch Position zu beziehen, und zwar so, als ob damit für die Türken in Deutschland gesprochen werde. Zugleich schreibt sich der Verein die Pflege von Religion auf die Fahne. Man bekommt unweigerlich den Eindruck, dass sich politische Interessen mit religiösen vermischen.

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Und dann schlägt sich die Ditib auch noch eindeutig auf eine Seite, auf die des türkischen Staatspräsidenten. Drohgebärden gegen Menschen, die anderer Meinung sind, werden billigend in Kauf genommen. Ich finde das unerträglich. Momentan poste ich im Internet so gut wie nichts Kritisches mehr zur türkischen Regierung. Man muss mit wilden Beschimpfungen rechnen. Tragisch, dass so der Diskurs über die Regierung eines Landes unterbunden wird. Aber ich habe keine Lust auf noch mehr Hass-Tweets und -Posts.

Warum treten Musliminnen und Muslime in Deutschland jetzt nicht in großer Zahl dem Liberal-Islamischen Bund (LIB) bei? Wir sind ein von deutschen Muslimen gegründeter Verein. Bei uns könnten alle Fragen offen debattiert werden. Aber ich mache mir keine Illusionen: Viele wissen überhaupt nicht, dass es uns gibt. Sie sind mit der Verbandslandschaft in Deutschland nicht vertraut. Die Mehrheit der Muslime hat außerdem nach wie vor eine starke Bindung an ihr Herkunftsland. Das gilt auch für viele Deutschtürken, obwohl sie zum Teil schon in der dritten Generation hier sind.

Die gesamte Gesellschaft ist radikalisiert

Vielleicht ist das alles kein Wunder, bei so viel antimuslimischen Ressentiments in Deutschland? Eine rechtspopulistische und islamfeindliche Partei wie die AfD fährt zweistellige Wahlergebnisse ein, Muslime werden im Internet beschimpft, die gesamte Gesellschaft ist radikalisiert. Es fehlt ein neues Wir-Gefühl. Ich hätte nie gedacht, dass es hierzulande wieder möglich sein könnte, die Hand an Minderheitenrechte zu legen und breite Zustimmung zu ernten. Wir alle müssen Widerstand dagegen leisten. Denn heute geht es gegen Muslime – und morgen?

Leider ist es kein Anliegen der Muslime in Deutschland, sich zumindest hinsichtlich bestimmter Themen als Gruppe zusammenzutun, um eine starke demokratische Stimme zu bilden. Der LIB hat in diesem Jahr schon zweimal die Hand in Richtung Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) ausgestreckt. Ich finde, wir sollten zum Beispiel eine gemeinsame Position gegen Islamfeindlichkeit und gegen muslimischen Antisemitismus finden. Aber es gab nicht mal eine Antwort.

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Personalaudioinformationstext:   Lamya Kaddor, geboren 1978 in Ahlen, ist Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin. Sie war Gründungsmitglied des Liberal-Islamischen Bundes (LIB) und ist heute in dessen Vorstand tätig. Lamya Kaddor lebt in Duisburg.
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