Der Superpapst
Die Konservativen haben ihren Papst und die Reformer haben ihren Papst. Denn Franziskus will der Liebling aller sein. Die einen jubeln, wenn er Erzbischof Gerhard Müller, den obersten Glaubenshüter, zum Kardinal ernennt. Die anderen dürfen sich über seine »kollegiale Wende« freuen, weil er sich von acht Kardinälen beraten lässt. Die einen begeistern sich für seine dogmatisch »festen« Predigten, die er in der Kapelle seines Domizils Santa Marta hält. Bei den anderen weckt er politische Leidenschaft, wenn er die Sache der Flüchtlinge zu seiner eigenen macht. Der Apostel Paulus nannte diese Haltung »allen alles werden«. Sie ist auch für Ignatius von Loyola, dessen Orden Jorge Bergoglio angehört, ein Leitprinzip.
Mitten in der Kirchenkrise und nach der eher frustrierenden Herrschaft Benedikts XVI. inszeniert Papst Franziskus seine Offensive des Charmes, des Lächelns, der Nähe. Wenn er schlichte Lebensweisheiten verbreitet, sind ihm die Sympathien sicher. Am Valentinstag empfahl er den Eheleuten, niemals im Streit abends ins Bett zu gehen. In seiner argentinischen Heimat wird er bereits wie ein Heiliger verehrt: »Bescheiden, intelligent, zärtlich, stark, ehrlich und entschieden«, nennt ihn die dortige Theologin Nancy Raimondo.
Aber seine Menschenfreundlichkeit steht im Dienst einer größeren Sache: »Ich träume von einer missionarischen Entscheidung«, teilt er in seinem Schreiben »Evangelii Gaudium« mit, »die fähig ist, alles zu verwandeln.« Verändert werden sollen Gewohnheiten, Strukturen, Zeitpläne, Sprachgebrauch in der katholischen Kirche. Franziskus will sie so wieder stark und attraktiv machen.
Seit den ersten Stunden seines Pontifikats wiederholt er unermüdlich: «Wie sehr wünsche ich eine Kirche für die Armen.« Sympathische Worte, wer könnte im Ernst etwas dagegen haben? Genauer betrachtet, wird diese Sehnsucht aber kaum präzisiert. Es wird kein Programm entwickelt, wie Armut in der Kirche realisiert werden kann. Denn eine Kirche »für« die Armen im Sinne des Papstes steht den Armen noch karitativ-helfend gegenüber. Hingegen entspräche das Motto »Eine Kirche ›der‹ Armen« oder »eine Kirche ›mit‹ den Armen« der Forderung der 500 Konzilsväter, die sich im sogenannten Katakombenpakt im November 1965 verpflichteten, radikal eine arme Kirche zu gestalten. Eine Kirche »für« die Armen kann sogar noch Machtansprüche verbergen: wenn etwa die Kirche als Konkurrenz zu den eher linken »Volksbewegungen« in Venezuela, Ecuador und Bolivien verstanden wird. Darauf hat der argentinische Philosoph und Theologe Rubén Dri hingewiesen.
»Es gibt überholte Strukturen«
Unklar bleibt, wie sich denn Franziskus eine gerechte Weltgesellschaft konkret vorstellt. Konkrete Schritte zur Veränderung des Lebensstils der reichen Kirchen des Nordens hat Papst Franziskus bisher nicht beschrieben, geschweige denn durchgesetzt. Die päpstliche Bank will er zwar transparenter gestalten, sie soll nicht länger kriminellen Geldwäschern zur Verfügung stehen. Auch über die vatikanische Güterverwaltung inklusive des Immobilienbesitzes will der Papst mehr Klarheit: Aber es findet kein Nachdenken statt, warum denn ein Papst überhaupt eine Bank und ein Millionenvermögen braucht. Die uralten vatikanischen Strukturen mit ihrem »Filz« stoppen offenbar den Enthusiasmus des Papstes. Tief greifende Reformen hat er ja am 4. Juli 2013 gewagt anzudeuten: »Selbst im Leben der Kirche gibt es alte und überholte Strukturen: Wir müssen sie erneuern.«
Hat er jetzt Angst vor der eigenen Courage? Oder vor den Nachstellungen der Kurie? Wie stark ist der Einfluss des ultraorthodoxen Kardinals Müller, des Chefs der Glaubensbehörde?
In den letzten Wochen ist eine Zunahme »behutsamerer Formulierungen« bei Franziskus zu beobachten: Zu wiederverheirateten Geschiedenen oder zur homosexuellen Liebe vertritt er jetzt den uralten Standpunkt. Am 16. Januar 2014 sagte er: »Einen Christen ohne Kirche versteht man nicht. Auf Christus zu hören, nicht aber auf die Kirche, das geht nicht.« Im Interview mit den Jesuitenzeitschriften vom August 2013 waren noch offenere Worte zu hören: »Gott ist im Leben jeder Person, im Leben jedes Menschen.« Auch der Mystiker Meister Eckart hat dies gelehrt, für ihn wurde dann aber die Kirche nicht mehr so wichtig.
Ist das theologische Profil des Papstes also zwiespältig und diffus? Über den Superpapst sagen die einen: »Der Franz, der kann´s!« Doch die anderen sind sich da nicht so sicher. Wohin Franziskus seine Kirche führt, ist für sie noch lange nicht ausgemacht ...
