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Der Baum der Hoffnung

vom 03.04.2020
von Gerhard Engbarth, Bad Sobernheim

Ein Dialog zu Zeiten des Coronavirus

Als ich gestern an meine liebe Freundin Alexandra denken musste, schickte ich ihr eine E-Mail: »Wie geht es dir in diesen Zeiten?« Sie mailte ein Foto zurück. Ohne Kommentar. Den hat es auch nicht gebraucht. Das Foto hat zu mir gesprochen – hier unser Dialog.

DER BAUM: Guten Morgen, Gerhard.
GERHARD: Guten Morgen, Baum. Wie geht es dir?
DER BAUM: Rundum gut!
GERHARD: Wirklich?
DER BAUM: Es könnte nicht besser sein. Die Sonne scheint,
im Erdreich ist genügend Wasser, sodass ich blühen und
gedeihen kann. Und du?
GERHARD: Ich mache mir Sorgen.
DER BAUM: Worum denn?
GERHARD: Um meine Gesundheit. Wegen des Coronavirus. Ich
gehöre nämlich zu einer Hochrisikogruppe.
DER BAUM: Weil du schon so alt bist?
GERHARD: Na ja, 69, das geht eigentlich noch, doch im
Sommer, wenn ich erst mal 70 bin ...
DER BAUM: Dass ich nicht lache. Sieh mich an, ich bin 93.
GERHARD: Donnerwetter! Dann hast du dich aber gut gehalten.
DER BAUM: Man tut, was man kann. Und dir macht also der
Coronabefall Sorgen.
GERHARD: Wem nicht!
DER BAUM: Hast du denn gar keine Hoffnung? Keine Kraft?
GERHARD: Also nicht, dass ich gar keine hätte ...
DER BAUM: Aber?
GERHARD: Aber ob ich genug habe, anderen davon abzugeben?
DE BAUM: Musst du das denn?
GERHARD: Müssen nicht. Aber wollen schon.
DER BAUM: Und warum?
GERHARD: Weil ich das als Künstler immer so gehalten habe,
ob ich Blues gesungen, Märchen erzählt, Sketche gespielt
oder Kolumnen publiziert habe.
DER BAUM: Und was hindert dich zu hoffen?
GERHARD: Der Tod. Dass ich sterben könnte. Dass Tausende
sterben könnten.
DER BAUM: Ach so, der Tod. Na ja ...
GERHARD: Nun mach bloß nicht so den Dicken. Was ist denn,
wenn es nächste Woche Stein und Bein friert?
DER BAUM: Dann erfrieren meine Blüten und sterben ab.
GERHARD: Siehst du!
DER BAUM: Aber ich hoffe, dass es nicht frieren wird, und
wenn doch, dass nicht alle meine Blüten absterben. Da
halte ich mich an Vaclav Havels Satz: »Hoffnung ist nicht
die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die
Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.«
GERHARD: Meinst du etwa, das Coronavirus hätte Sinn?
DER BAUM: Unser Leben hat Sinn, auch wenn wir sterben
müssen. Deshalb ist das Leben ja so kostbar: WEIL wir
sterben müssen.
GERHARD: Ja schon, allgemein betrachtet, aber bei mir ...?
DER BAUM: Ich wünsche dir, dass du überlebst ...
GERHARD: Danke. Und dir wünsche ich keinen Nachtfrost!
DER BAUM: Warte, ich war noch nicht fertig mit meinem Satz:
Ich wünsche dir, dass du überlebst, um auch den Tod
annehmen zu können.
GERHARD: Dein Wort in Gottes Ohr.
DER BAUM: Und pass auf dich auf.
GERHARD: Du auch auf dich. Ich danke dir.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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Alexander Sachs
16.04.202008:17
Ich finde die Geschichte sehr schön, außergewöhnlich und sie gibt Hoffnung!
Monika sroka
11.04.202007:37
In dieser Zeit denke ich besonders an unsere alten Menschen in Senioreneinrichtungen , die keine persönlichen Besuche von außen haben dürfen!!im Herbst ihres Lebens so etwas erleben zu müssen , tut sicher sehr weh!!viele haben die Kriegsjahre miterlebt..... genau so intensiv denke ich an alle werdenden Eltern , die ihren Nachwuchs schon haben oder bald erwarten! In welche Zukunft kommt dieser neue Erdenbürger?? Wir haben etwas Schlimmes , sogar tödliches in der Umwelt , wir können es nicht offensichtlich sehen , nur die Folgen sind zu sehen und spüren! „ Die Welt hat uns in unser Zimner geschickt, wir sollten mal überlegen was wir getan haben“ .....