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Benedikt XVI.: Die ‘68er sind Schuld

von Thomas Seiterich 12.04.2019
Der 91-jährige Joseph Ratzinger hat einen Text über die angeblichen Verursacher der sexuellen Gewalttaten in der Kirche verfasst und im bayerischen Klerusblatt publiziert. Schuld seien die 68er und die Reformtheologen
Benedikt XVI. bleibt seinem alten Feindbild treu: der 68er-Bewegung. (Foto: pa/Karmann)
Benedikt XVI. bleibt seinem alten Feindbild treu: der 68er-Bewegung. (Foto: pa/Karmann)

Er schlägt um sich. Benedikt XVI., der 2013 vom Papstamt zurücktrat, gibt so etwas wie den Gegenpapst zu Franziskus. Während der die katholische Kirche auf einen Kurs gegen die im Klerikalismus wurzelnde sexuelle Gewalt zu steuern sucht, zündete der Altpapst im bayerischen Klerusblatt einen Kracher. Der fast 92-jährige Dogmatiker gibt vor, er wisse genau, wer Schuld sei an den Missbrauchsverbrechen: Die 68er sowie die liberalen Theologen und Pädagogen in der Kirche.

Für die leidenden Opfer der Verbrechen durch Geistliche zeigt Ratzinger keine Empathie. Dass der Missbrauch viel älter ist als das Jahr 1968, ist ihm kein Erwähnung wert. Benedikt spaltet einmal mehr die Kirche mit seinem Text. Erzkonservative Katholiken preisen ihn, wie die Deutsche Tagespost aktuell titelt, als »durchseelt«. Viele Theologen und engagierte Christen verschiedener Konfession jedoch fragen sich: Hat dieser Mann, der kleinlich alte Feindschaften, Hassbilder und Ressentiments pflegt, noch alle Tassen im Schrank?

1968 – alte Feindbilder werden neu aufpoliert

»Wieso konnte Pädophilie ein solches Ausmaß erreichen?«, fragt der frühere Papst: »Im letzten liegt der Grund in der Abwesenheit Gottes. Auch wir Christen reden lieber nicht von Gott, weil diese Rede nicht praktisch zu sein scheint.« Eine Gesellschaft mit einem abwesenden Gott sei eine Gesellschaft, in der »das Maß des Menschlichen« immer mehr verloren gehe.

Zu Beginn seines langen Aufsatzes schreibt Ratzinger, dass es zur »Physiognomie der 68er Revolution« gehört habe, dass auch Pädophilie erlaubt sei. In derselben Zeit habe sich ein »Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie« ereignet, der auch Teile der Kirche »wehrlos gegenüber den Vorgängen der Gesellschaft« gemacht habe. Auch in verschiedenen Priesterseminaren »bildeten sich homosexuelle Clubs, die mehr oder weniger offen agierten und das Klima in den Seminaren deutlich veränderten«.

Mit Erschütterung sei heute zu sehen, »dass an unseren Kindern und Jugendlichen Dinge geschehen, die sie zu zerstören drohen. Dass sich dies auch in der Kirche und unter Priestern ausbreiten konnte, muss uns in besonderem Maß erschüttern.«

In der Tat. Nicht vergessen werden darf: Als langjähriger Präfekt der Glaubenskongregation hat der damalige Kardinal Joseph Ratzinger sich – lang ist’s her – für die Aufklärung einiger sexueller Gewaltverbrechen etwa bei den »Legionären Christi« und ihrem Gründer Marcial Maciel eingesetzt – gegen den entschiedenen Willen des seinerzeitigen Papstes Johannes Paul II.. Der polnische Pontifex verstand sich als Bekämpfer des Kommunismus. Er beförderte zahlreiche Untäter. Sexuelle Gewalt durch Priester schien ihm kein Thema zu sein.

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Kritik von Theologen

Der Freiburger Moraltheologe Magnus Striet trifft in seiner Analyse den Punkt: »Benedikt XVI. baut einen Popanz auf, um einen Schuldigen dafür ausmachen zu können, warum Missbrauch stattfand – und systematisch vertuscht wurde.«

Es sei »absurd«, wenn der emeritierte Papst die 68er-Bewegung verantwortlich mache. Dann müsse er erst einmal erklären, warum es schon vor dieser Zeit zu Missbrauch gekommen sei und warum es auch massiven Missbrauch in Ländern gegeben habe, die erst in den 80er-Jahren demokratisiert worden seien.

Das gesamte Werk von Benedikt XVI. sei »durchzogen von einem Furor gegen Neuzeit und Moderne, die er aber nur als Verfallsgeschichte wahrnimmt«, schreibt Striet. Er sieht eine Mitverantwortung des früheren Papstes für die Vertuschung von Missbrauch. »Wer hat eigentlich die Bischöfe ernannt, die jetzt unter heftigen Vertuschungsvorwürfen stehen? Oder die selbst zu Tätern wurden?« Zwar habe die Glaubenskongregation striktere Maßnahmen ergriffen, »aber ging es hier um die Betroffenen? Oder doch mehr um das Priesteramt?« Striet appellierte an Ratzinger, sich für eine unabhängige Untersuchung der in der Glaubenskongregation seit dem Jahr 2000 gesammelten Unterlagen einzusetzen.

Auch der Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller kritisierte den Beitrag des Ex-Papstes. Es fehle darin die Rede von der Schuld, die im Umgang mit sexuellem Missbrauch auch Bischöfe betreffe, schreibt Müller am 12. April. Nicht nur die Priester, die sexuelle Gewalt an Minderjährigen ausgeübt hätten, seien schuldig geworden, sondern auch die Bischöfe, darunter der einstige Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger. Sie seien »nicht angemessen« mit den Tätern umgegangen. Die betroffenen Opfer, ihr Leid, seien nicht gehört worden, erinnert Müller. »Es fehlte die Sensibilität, die Empathie, das Mitleiden dafür.« Der Theologe hätte sich gewünscht von Benedikt XVI.. zu hören, dass er sich bei den Überlebenden sexualisierter Gewalt durch Kleriker dafür entschuldigt, wo wer, »ohne es zu wollen, zu deren Leid beigetragen« habe.

Und nun? Solange er es vermag, wird Benedikt XVI. wohl weiter seine alten Feindbilder pflegen. Eigentlich wollte er ja nach seiner Rücktritt vom Papstamt schweigen. Schade, dass er sich nicht an sein Gelübde hält.

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Hanna Leinemann
19.04.201911:20
Wenn sich Joseph Ratzinger auf den Tod vorbereitet, wie schon so manchmal verlautet, dann werden sich seine Kenntnisse über sexuellen Mißbrauch innerhalb der katholischen Kirche schon aus seiner Zeit seit 1981 als Kuri­en­kar­di­nal und Prä­fek­t der Römi­schen Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on und dazu seine Geschichtskenntnis zum Thema, das eintausend Jahre vorweist, sehr belasten. Da macht er gerne einen Nebenkriegsschauplatz aus, um von dort im weißen Gewand, das für den amtierenden Papst reserviert ist, den Gegenpapst zu spielen. - Wie wenig muß er von seinem Gott halten, daß ein solches Possenspiel nicht erkannt würde? Wieviel Todesangst treibt ihn, möglichst auch heute noch (mit allen, die hinter ihm stehen) die Öffnung der Archive zu fürchten? -
Thomas Helmstetter
17.04.201913:57
Der Autor Thomas Seiterich scheint sich leider nicht die Mühe gemacht zu haben, den Text von Benedikt XI. komplett zu lesen. Wer das tut wird feststellen, dass in dem Aufsatz eine Interpretation der Missbrauchtaten herausgearbeitet wird, die man nicht unbedingt teilen muss, die aber viel differenzierter ist, als dies hier dargestellt wird. Es ist schon interessant, welch ein Furor Benedikt XI. entgegen schlägt, ohne dass die Punkte ernsthaft und selbstkritisch diskutiert würden. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die aufzeigen, dass es in einer "offenen", "sexualisierten" Gesellschaften auch häufigter zu Übergriffen kommen kann. Auf diese gesellschaftlichen Veränderungen wollte der Text hinweisen. Ist es für eine ernsthafte Auseinandersetzung, gerade mit dem schlimmen Thema Missbrauch nicht unbedingt notwendig alle Aspekte zusammen zu tragen und zu bedenken? Ich meine schon!
Bernhard Ferber
16.04.201922:03
Als Joseph Ratzinger 2011 als Papst Deutschland besuchte, wurde mir klar, dass es unmöglich sein kann, dass dieser Mann und ich zur gleichen Kirche gehören. Er brachte das längst gut gefüllte Fass, das bewirkte, dass ich in jenem Jahr zur evangelischen Kirche konvertierte, zum Überlaufen. Bis heute habe ich diesen Schritt nicht bereut. Es ist eine Wohltat, in gesunder Distanz zu dieser kath. Kirche und ihrer nicht selten mythendurchwobenen, realitätsfernen Weltsicht Christ zu sein.
Stephanus Büttgenbach
14.04.201921:19
Ich bin fassungslos! Unter anderem über den Zynismus, mit dem der Papa Emeritus über seinen Amtsbruder Prof. Böckle herzieht, dessen Vorlesung über Moraltheologie nicht nur ich (als Student der Naturwissenschaften) mit Begeisterung gehört habe und der mir Mut zu eigenen Gewissensentscheidungen gemacht hat.
Ludger Harhues
14.04.201914:39
Als 63 jähriger aktiver Katholik frage ich mich beschämt, warum kann ein Teil der Amtskirche immer noch nicht einsehen, dass sie durch ihre Strukturen mitschuldig geworden ist und durch solche Äußerungen nur weiter ihre Glaubwürdigkeit zerstört.
Josef Deppe
14.04.201908:22
Ich bin 78 Jahre mit christlichen Gemeinden geworden. Wollen uns alte Männer in der Kirche beibringen, das der Geist Gottes in der Amtskirche nicht wirkt? Die Konservativen Theologen sollten sich schämen.
Bernhard Arens
13.04.201912:52
Dieser Aufsatz des ehemaligen Papstes Benedikt XVI. ist - im Fußballjargon gesprochen - ein klassisches Eigentor. Wenn er doch geschwiegen hätte, wie er es nach seinem Papst-Rücktritt versprochen hatte. Beschämend, wie J.R. den früheren anerkannten Moraltheologen Böckle lieblos abkanzelt und es Gottes Güte verdankt, dass der ihn habe sterben lassen, bevor er - wie angekündigt - dem Papst widersprochen hätte, falls dieser eine Enzyklika verfasse, in der die These von "Handlungen, die immer und unter allen Umständen als schlecht einzustufen seien“ vertreten würde. Unhaltbar und unbegreiflich, dass J.R. die Liebe zu Gott einfordert, ohne Gottesliebe, Menschenliebe und Selbstliebe gleiche Geltung zuzubilligen. Vielleicht sollte sich J.R. seine "Einführung in das Christentum" neu zu Gemüte führen: "Was heißt ... das christliche Bekenntnis 'Ich glaube' heute, unter den Voraussetzungen unserer gegenwärtigen Existenz und unserer gegenwärtigen Stellung zum Wirklichen insgesamt." (dtv, 1972)
Arnold-Janssen-Gymnasium
13.04.201910:56
Jetzt sind angeblich wir es also, die Gruppe der liberalen Pädagogogen und Theologen in der Kirche, die schuld daran sind, wenn die vermurkste Sexualmoral der Kirche vor allem bei vielen ihrer geweihten Bediensteten im Zwangszölibat zu solchen Verklemmungen und Verdrängungen führt, dass sie mit dem psychischen Druck nicht in verantwortungsvoller Weise umgehen können und sie stattdessen Priesteramtskandidaten verführen oder Knaben vergewaltigen, Nonnen schwängern und oft sogar mithilfe ihrer Ordensoberinnen zur Wahrung des Scheins der Reinheit zu Abtreibungen zwingen!
Jesus, zieh' doch bitte noch einmal zur Tempelreinigung deinen Gürtel aus und zieh dem Heuchler eins über!
Aber halt, nein, lass' lieber genügend Vernunft und Mut bei uns wachsen, um die Leitung dieser Kirche in Deinem Sinne endlich vom Kopf auf die Füße zu stellen!
Karl-Heinz Reinartz, pwr E-Mail
Karl Berberich
12.04.201918:19
In Wirklichkeit zieht auch dieses an der Wirklichkeit vorbeigehende Pamphlet auf Franziskus. Jetzt ist der Kampf gegen Papst Franziskus eröffnet. Die weltfremde Scheinanalyse versucht jetzt offen unter Benedikt die Kirche zu spalten und das vorkonziliare Gedankengut der Nichtanerkennung der Evolution auf ihr Panier zu setzen. Franziskus, der sich schon in seiner Begrüßung als fehlbar um Gebete für sich bat, hat den Status der heiligen und unfehlbaren Kirche schwer verletzt. Auf "Kat.Net" kann man dieses Gedankengut als sektiererisch Hetze einer nicht enden wollenden Verbitterung von Zurückgebliebenen verfolgen. Bleibt zu hoffen, dass die deutschen Bischöfe in der Mehrheit konsequent den synodalen Weg gehen, auch wenn es wieder 7 Abtrünnige geben sollte.