Ach Gott, die heilige Familie!
Eine klare Erwartung haben die Deutschen und ebenso das Gros der Katholiken in den Ländern nördlich der Alpen: Die römisch-katholische Kirche solle endlich die Katholiken, deren erste Ehe gescheitert ist und die erneut geheiratet haben, nicht mehr abstrafen. Die Kirche soll sie offiziell zum Tisch des Herrn zulassen. Und bei der Beichte sollen sie ebenso wie andere Menschen die Lossprechung von allen Sünden erhalten.
Diese Erwartungen hat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) trefflich formuliert und theologisch schlüssig begründet, in einer einstimmig verabschiedeten Erklärung auf seiner letzten Vollversammlung in Würzburg.
Kalt und rechtlich: Die römische Ehelehre
Ginge es nach den Argumenten und Wünschen der deutschen Katholiken, würde künftig bei der Lehre zu Ehe, Sexualität und Familie die »Gradualität« wichtig genommen. Es würde also berücksichtigt, wie Menschen tatsächlich leben, welche Möglichkeiten und Chancen sie haben, was sie einengt und was sie quält. Denn die Krux der bisherigen Ehelehre ist es, dass sie sich zwar bis ins Detail für die Eheschließung und ihre Bedingungen interessiert, kaum aber für die folgenden Ehejahre.
Zentralgedanke dieser geltenden theologischen Lehre ist es, dass die Liebe der Ehepartner ein Abbild zu sein habe von der niemals endenden Liebe Christi zu seiner Kirche. Auf diese Weise werden theologische Tonnengewichte auf die Schultern der Paare gewuchtet. Das kann gut, aber ebenso auch schlecht ausgehen. Die Folge für jene, bei denen es schlecht ausgeht, ist gravierend: Sie werden mit ihren Ehenöten allein gelassen. Und das kann im Extremfall heißen: auch mit einer brutalen, gewalt-geprägten Beziehung. Laut katholischem Ehesakrament hat es die nämlich gar nicht zu geben – ist die Ehe doch definiert als niemals endendes, wunderbares Moment des Lebens.
Wenige Wochen vor der Familiensynode nun liegen Berichte aus über 170 Ländern auf dem römischen Tisch. Und siehe: Die Probleme und die Situationen, in denen Ehe und Familie gelebt wird, sind extrem vielfältig und äußerst unterschiedlich. So unterschiedlich, dass das römische Prinzip »Eine Antwort, eine Lehre für die ganze Welt« zu scheitern droht.
Extrem vielfältig: Ehe und Familie in der heutigen Welt
Was soll die Kirche tun in Schamkulturen wie etwa Korea, wo ein Gespräch über Sexualität unmöglich scheint, so sehr ist Sexualität tabuisiert? Was soll die Kirche vermitteln in Regionen, wo die Ehe nicht auf der freien Entscheidung zweier Menschen beruht, sondern von den Alten arrangiert wird? Was soll sie tun, wenn doch einerseits die Bibel beiden Partnern die Aufgabe stellt, sich zu »trennen« von den Eltern, dies andererseits im »Hotel Mama« im arbeitslosen Südeuropa gar nicht möglich ist? Was ist los in den Ehen von Millionen Katholiken aus Sri Lanka, aus Indien und den Philippinen, die in den reichen Ölstaaten Arabiens schuften müssen und nur per Telefon und Skype mit ihren Partnern und Kindern verbunden sind? Was ist schließlich mit den unzähligen Menschen, die zu arm sind, um heiraten zu können – es aber gerne würden?
Der Unterschiede ist kein Ende: Wie soll die Kirche sich zu jenen Frauen und Männern verhalten, die homosexuelle Ebenbilder Gottes sind? Was gilt schließlich für die polygam geprägten Welten, wo – wie im Sahel – die muslimische Mehr-Ehe der Standard ist und die christliche Monogamie nur schwer durchzusetzen? Was gilt für die »Stufen-Ehe« in Afrika, die erst auf Dauer gilt, wenn ein gesundes Kind zur Welt gekommen ist?
Kein echtes Vorbild: Jesu Familie im Neuen Testament
Die »heilige Familie« – die Muttergottes, das Jesuskind und Josef, die väterliche Randfigur – wird kirchlich verehrt und idealisiert. Doch die Realität ist oft so nahe dran an dieser Welt, die vor allem aus »Mutter und Kind« besteht, dass die Kirche es lieber gar nicht wissen will.
In der Karibik und an den Küsten Südamerikas ist die Familienform »Mutter und Kind« am stärksten verbreitet. Genau dort, wo Jahrhunderte lang katholische Sklavenhalter aus Frankreich, Spanien oder Portugal ihr Unwesen trieben. Sie »züchteten« immer neue Sklaven heran; Schwangerschaften der Sklavinnen brachten ihnen Nachschub an neuen Sklaven. Gründlich zerstörte das die Papa-Mama-Kinder-Familien. Und nachhaltig auch: Bis heute findet man die Idealfamilie der römischen Lehre hier selten.
Ob die Synodenväter aus aller Welt im Oktober in der Lage sein werden, das multikulturelle Ehe-Wirrwarr in eine Reform umzusetzen, die menschenfreundlich ist?
Gestritten wird jetzt schon darüber. Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller, der Chef der Glaubensbehörde im Vatikan, erklärte soeben, er wolle keinerlei Änderung an der tradierten Lehre. Die Familien müssten sich auf die gültige Lehre zubewegen; die Kirche müsse deren Schönheit und Würde nur wieder besser vermitteln.
Anders äußerte sich der neue Erzbischof von Hamburg, der 48 Jahre junge Stefan Heße. Er fordert die Kirche zu mehr Realismus in der Sexualmoral auf: »Wir müssen auf die Vielfalt der Lebensformen schauen, die nun einmal da sind.« Im Blick auf die Homo-Ehe erklärt Heße: »Wenn diese Menschen unsere Nähe suchen, sind wir als Kirche für sie da. Was sonst?« Für die wiederverheirateten Geschiedenen wünscht sich der Hamburger Erzbischof »lebbare Formen für die kirchliche Anerkennung und Begleitung«, ohne deshalb das Ideal der lebenslangen Ehe aufzugeben. Ziemlich rabulistisch, könnte man sagen. Es wäre aber auch möglich, darin ein »Reförmchen« zu sehen. Ein bisschen mehr Barmherzigkeit, ein bisschen mehr Leben. Bergoglio-Style eben. Mal sehen, ob der Schule macht.
Thomas Seiterich, Vatikan-Experte von Publik-Forum, wird die Familiensynode in Rom im Herbst durch Online-Berichterstattung begleiten.
