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24 Türchen – und dann?

Jetzt beginnt sie wieder, die geheimnisvolle, erwartungsfrohe Vorweihnachtszeit. Auch Nichtchristen hängen Adventskalender auf. Warum machen sie das? Publik-Forum-Volontärin Viola Rüdele findet Antworten – in ihrer WG
von Viola Rüdele vom 01.12.2018
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24 Tage, 24 Überraschung: Diese Bildersprache verstehen alle. Wir warten darauf, dass etwas kommt, von dem wir noch nicht genau wissen, was es sein wird. (Foto: LiliGraphie/Alamy Stock Photo)
24 Tage, 24 Überraschung: Diese Bildersprache verstehen alle. Wir warten darauf, dass etwas kommt, von dem wir noch nicht genau wissen, was es sein wird. (Foto: LiliGraphie/Alamy Stock Photo)

Etwas schief hängen drei Adventskalender an der Wand in der Küche. Einer mit Schokolade, einer mit Tee und einer mit Bildern. In unserer WG wohnen ein Muslim, zwei Atheisten und eine Christin (ich). Wie es diese drei Kalender dorthin geschafft haben, wissen wir nicht mehr so genau. Trotzdem gibt es zwischen Prüfungsstress, Hausarbeiten für die Uni und Vokabellernen diese Adventskalender im Herzen unserer WG. Damit bei drei Adventskalendern für vier Personen niemand zu kurz kommt, haben wir akribisch einen Plan erstellt. (Einen vierten Kalender zu organisieren hätte ja Arbeit und womöglich noch Geld bedeutet, das wollten wir als Studis naturgemäß lieber vermeiden.) So öffnen wir jetzt also jeden Abend der Reihe nach unsere plangemäß zugewiesenen Türchen und erkundigen uns bei den anderen: »Was gab es denn heute bei dir im Kalender?«

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Ich habe mich auch in anderen Wohnungen umgeschaut und festgestellt: Für Adventskalender scheint es weder Grenzen des Alters noch der Religion zu geben. Für meine drei Mitbewohner gipfelt der Spaß mit den Türchen nicht am 24.12. im Weihnachtsfest. Sie feiern es nicht. 24 Tage warten – auf nichts? Als Christin finde ich das spannend: Ohne die Weihnachtsfeier rückt das Warten an sich ins Zentrum.

Dabei ist Warten im Alltag ja eigentlich eher unangenehm und langweilig. Ich warte auf die nächste Bahn, auf eine Antwort, in der Schlange im Supermarkt. Ich sitze im Wartezimmer und merke, wie ich immer unruhiger werde. Warten setzt mich der Passivität aus: Ich werde mir meiner Abhängigkeit von anderen bewusst. Warten zwingt mich, mich mit mir selbst zu beschäftigen: Bin ich gerade irgendwie mit mir unzufrieden? Gibt es jemanden, bei dem ich mich entschuldigen oder bedanken sollte?

Gerade in den letzten Wochen des Jahres, in denen es kalt und düster ist, komme ich oft ins Nachdenken. Bin ich mit diesem Jahr zufrieden, muss ich irgendetwas noch dringend erledigen, was wünsche ich mir fürs neue Jahr? Diese Jahresendzeitstimmung teile ich mit meinen nicht-christlichen Mitbewohnern.

Doch nicht nur aus Entschleunigungsgründen kann ich dem Warten durchaus etwas abgewinnen: Wer wartet, hat ein Ziel, etwas, worauf man wartet. Wer wartet, lebt nicht ziellos, weiß – oder hofft zumindest –, dass das Warten irgendwann vorbei ist und malt sich aus, wie es dann sein wird. Wenn ich auf Gäste warte, bereite ich mich auf den Besuch vor, ich putze meine Wohnung, kaufe ein, backe einen Kuchen, während vor meinem inneren Auge alle schon gemeinsam am Tisch sitzen, Kuchen essen und sich freuen. Wenn ich auf eine friedlichere und gerechtere Welt warte, versuche ich, diese im Alltag vorzubereiten. Mit diesem Ziel vor Augen kann ich auch Rückschläge verkraften.

Die Hoffnung auf diese Welt ist für mich als Christin mit der Feier von Jesu Geburt verbunden. Es ist das kleine machtlose Kind in ärmlicher Umgebung, das meine Hoffnung auf eine andere Welt wachsen lässt. Wenn die Krippe der unscheinbare Ort ist, der unterschiedliche Menschen zusammengeführt und zum Umdenken gebracht hat, habe ich Hoffnung, dass das auch anderswo möglich ist.

Der Adventskalender strukturiert die oft stressige Zeit bis Weihnachten. Unser Adventskalenderritual tut uns allen vier gut. Es ist ein eingeplanter Ruhemoment, ein Anlass, sich zusammen in der Küche zu versammeln und Tee zu trinken. Wir erzählen uns von unseren Wünschen, hören uns gegenseitig zu, ermutigen und trösten uns. Wir denken zusammen über die Welt nach und erzählen von schönen Dingen. Dabei merken wir immer wieder, dass uns bei all unserer Unterschiedlichkeit eines verbindet: das Ideal einer Welt, in der alle friedlich zusammenleben können, ohne dass die Hautfarbe, die Religion, das Geschlecht, das Aussehen, die soziale Herkunft eine Rolle spielen. Meine Mitbewohnerin glaubt nicht an Gott, aber sie sagt, jede gemeinsam getrunkene Tasse Tee und jedes gemeinsam geöffnete Türchen bestärken sie in dem Gefühl, mit diesen Gedanken nicht allein zu sein.

24 Tage, 24 Türchen, immer mit einer kleinen Überraschung. Diese Bildersprache verstehen alle. Wir warten alle darauf, dass etwas kommt, von dem wir noch nicht genau wissen, was es sein wird. Aber wir hoffen, dass es besser wird. Und während wir warten, ist ein bisschen davon schon da.

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Schlagwörter: Gemeinschaft Hoffnung
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