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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2019
Die Zerreißprobe
Die Theologen Nikolaus Schneider und Dietmar Mieth hatten eine klare Haltung ...
Der Inhalt:

Der Rückkehrer

von Viola Rüdele vom 22.11.2019
»Gaza braucht dich«, sagte ein Landsmann. Also verließ Abed Schokry Deutschland und ging in den Gazastreifen

Ich bin Ingenieur. Von mir bekommen Sie nur Fakten und Tatsachen.« Das ist Abed Schokry wichtig, wenn er von seinem Alltag in Gaza berichtet. Der Palästinenser spricht fließend Deutsch. 15 Jahre hat er in Deutschland gelebt – dann ist er zurückgekehrt. In den Landstrich, in dem achtzig Prozent der zwei Millionen Einwohner keine Arbeit haben. Der an seiner breitesten Stelle 14 Kilometer misst. Wo es an schlechten Tagen nur vier Stunden Strom gibt – nach Gaza. Die vielen Zahlen, die Schokry nennt, lassen ihn im ersten Moment unnahbar wirken. Etwa wenn er erzählt, dass israelische Soldaten innerhalb von anderthalb Jahren bei den Freitagsdemos im Gazastreifen rund 300 Menschen erschossen und 25 000 verletzt haben, und dazu nur sagt: »Das ist schon ein bisschen traurig.« Aber mit jedem weiteren Satz gewinnt man den Eindruck: Das ist vielleicht die einzige Haltung, mit der er diese Situation aushalten kann. An Zahlen kann man sich festhalten, wenn sonst nichts da ist.

Zurück nach Palästina?

Geboren wurde Schokry 1971 in Palästina. Seine Großeltern gehörten zur Vertriebenen-Generation von 1947/48. Nach seinem Schulabschluss, Schokry war damals gerade 18 Jahre alt, stellte sein Vater ihn vor die Wahl: Entweder du gehst studieren oder du heiratest. Schokry entschied sich für das Studium – und sein Vater wählte Darmstadt für ihn aus. Hier begann Schokry Maschinenbau zu studieren.

Fünf Jahre später ging er zusammen mit seiner palästinensischen Frau nach Berlin, um im Bereich Biomedizintechnik zu promovieren. Nachdem beide mit ihrer Promotion fertig waren, standen sie vor der Frage, wie es nun weitergehen sollte. Zurück nach Palästina?

Im Jahr zuvor, 2006, hatten dort die ersten Wahlen stattgefunden – in Schokrys Augen ein Hoffnungsschimmer. Auf einer Veranstaltung fragte er den damaligen Sprecher der Fatah-Parlamentsgruppe: Soll ich bleiben oder nach Gaza gehen? »Kehr heim, junger Mann, dein Land braucht dich«, lautete die Antwort. Und so machte er sich mit seiner Familie – seine beiden Kinder waren vier Jahre und sechs Wochen alt – im Juni 2007 auf den Weg nach Gaza.

Vom Krieg traumatisiert

Schokry war kaum ein Jahr in Palästina, da erlebte er zum ersten Mal in seinem Leben Krieg. An den Tag, als Gaza bombardiert wurde, kann er sich noch genau erinnern. Seine Tochter war auf einem Kindergar

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