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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2016
Gefährlicher Egoismus
Warum sich die Deutschen mit Gerechtigkeit so schwertun
Der Inhalt:

Aufgefallen: Er will nicht schweigen

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 04.11.2016
Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur der türkischen Zeitung »Cumhuriyet«, gibt nicht auf, mit Worten für eine demokratischere Türkei zu kämpfen

Müde sei er und erschöpft, verkündete der wohl bekannteste Journalist der Türkei – Can Dündar – im Juli. Verhaftungen, die kräftezehrenden Drohungen der Regierung, ein versuchtes Attentat; er werde sich eine Weile zurückziehen, sagte der 55-Jährige. Lange hielt Dündar das nicht aus. Nun ist er zurück.

Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur der Tageszeitung Cumhuriyet, war vor wenigen Jahren nur einer von vielen liberalen Journalisten der Türkei. Heute ist sein Name untrennbar mit dem Kampf um Pressefreiheit verbunden. Er steht stellvertretend für die vielen Kollegen in der Türkei, die im Gefängnis sitzen oder massiv eingeschüchtert werden.

Dündars Aufstieg zum Helden begann 2014, als er dem türkischen Geheimdienst Waffenlieferungen an Islamisten in Syrien nachwies. Wegen des Verdachts auf Spionage stellte Erdogan höchstpersönlich Strafanzeige gegen ihn, die Staatsanwaltschaft forderte lebenslange Haft. Dündar kam zunächst in Untersuchungshaft: Einzelzelle, drei Monate lang. In dieser Zeit hat er ein Buch geschrieben, das seit wenigen Wochen in deutscher Übersetzung vorliegt: »Lebenslang für die Wahrheit«.

Freunde starteten eine Solidaritätsaktion vor dem Tor des Hochsicherheitsgefängnisses in Istanbul, eine »Wache der Hoffnung«. Freiwillige standen Schlange, bis zu seiner Entlassung blieb der dafür vorgesehene Holzstuhl niemals leer, schreibt Dündar.

Am 6. Mai dieses Jahres entkam er nur knapp einem Attentat. »Zuerst hörte ich das Gebrüll ›Vaterlandsverräter!‹, dann den Schuss. Ich roch das Pulver«, schreibt Dündar. Dank des beherzten Eingreifens seiner Frau, die dem Attentäter in die Arme fiel, blieb er unverletzt. Wenige Stunden später wurde er der Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen für schuldig befunden und zu einer Freiheitsstrafe von knapp sechs Jahren verurteilt.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, und so floh der Vater eines 21-jährigen Sohnes ins Exil. Inzwischen lebt er in Deutschland; seinen Posten als Chefredakteur der Cumhuriyet legte er nieder. Zum Schweigen bringen lässt sich Dündar aber nicht. Auf der Frankfurter Buchmesse kündigte er an, vom Exil aus ein türkischsprachiges Web-Fernsehen starten zu wollen, zusammen mit dem Recherche-Büro Correctiv. »Es gibt ja kaum noch unabhängige Medien in der Türkei. Da mus

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