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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2016
Gefährlicher Egoismus
Warum sich die Deutschen mit Gerechtigkeit so schwertun
Der Inhalt:

Die Päpstin des EU-Rechts

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 04.11.2016
Juliane Kokott ist Generalanwältin am Europäischen Gerichtshof. Zu Besuch bei einer der mächtigsten Frauen Europas

Wenn Juliane Kokott über die Straßen Berlins oder die Boulevards von Paris schlendert, erkennt sie keiner – dabei zählt Kokott zu den mächtigsten Frauen Europas. Sie ist eine von elf Generalanwälten am Europäischen Gerichtshof (EuGH) und hat damit eine der wichtigsten Positionen inne, die man als Rechtswissenschaftler erreichen kann. Mit ihren Schlussanträgen unterstützt sie die Richter bei der Auslegung des europäischen Rechts: Sie schlägt ihnen gewissermaßen vor, wie sie urteilen sollen. Die Richter müssen ihr nicht folgen, tun das aber in den meisten Fällen.

Die »Päpstin des Europäischen Rechts«, wie Juliane Kokott auch genannt wird, wirkt beherrscht und nüchtern. Blonde, kinnlange Haare umrahmen ihr Gesicht; hinter der Brille blicken ungeschminkte Augen aufmerksam und konzentriert. Wenn sie lacht, wirkt sie jugendlich; dass sie 58 Jahre alt ist und sechs Kinder zur Welt gebracht hat, sieht man ihr nicht an. Ihr jüngster Sohn ist 11, der älteste 29. Als sechsfache Mutter Generalanwältin am EuGH – Journalisten lieben diese Story.

Ihr Arbeitstag ist straff durchgetaktet: Um sechs steht sie auf, um halb acht ist sie im Gerichtshof. Dort bereitet sie sich vor, empfängt Besuchergruppen, nimmt an mündlichen Verhandlungen teil und sitzt gemeinsam mit ihren Mitarbeitern an Schlussanträgen. Mit ihren Mitarbeitern ist sie inzwischen per Du; aus »Frau Generalanwältin« ist nach zehn Jahren Juliane geworden. Erst am Abend, gegen Viertel vor acht, herrscht wieder etwas Ruhe in ihrem Büro. »Aber man kann hier nur bis zehn arbeiten«, sagt sie ein wenig verärgert und scheint die Bemerkung, dann sei der Tag ja lang genug, nicht nachvollziehen zu können.

Juliane Kokott ist Vollblutjuristin. Es sei die beste Stelle, die man sich vorstellen könne, abwechslungsreich und herausfordernd. Sie beschäftigt sich mit den unterschiedlichsten Sachverhalten: Pestizide im internationalen Handel. Satellitenübertragung von Fußballspielen. Der Erhalt der Lebensräume wildlebender Vögel. Die Frage, welches Gericht für das Scheidungsverfahren einer ungarisch-französischen Ehe zuständig ist. Und mit Silvio Berlusconi, dem ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten, legte sie sich wegen Bilanzfälschung an.

Für die Mitgliedsstaaten, über die das Urteil gesprochen wird, das sie durch ihre Schlussanträge mit zu verantworten hat, stehen oft Mi

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