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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2016
Gefährlicher Egoismus
Warum sich die Deutschen mit Gerechtigkeit so schwertun
Der Inhalt:

SOZIALPROTOKOLL: »Keine Sekunde bereut«

von Annette Lübbers vom 04.11.2016
Lisa Gerlach (51) aus Köln hat zwei junge afghanische Flüchtlinge in ihre Familie aufgenommen. Auf sie, sagt sie, kann man nur stolz sein

Reden ist wichtig. Handeln ist wichtiger. Das ist meine Devise als Wirtschaftsberaterin und als Stadträtin für die Piratenpartei. Mein Mann und ich, wir haben uns sehr mit der Flüchtlingsarbeit hier in Köln beschäftigt. Bislang sind von den 1046 unbegleiteten jungen Menschen, die das Kölner Jugendamt aktuell betreut, nur etwa fünfzig in Familien vermittelt worden. Das geht alles viel zu schleppend. Wir wollten aktiv helfen. Diesen Schritt haben wir noch keine Sekunde bereut. Die Formalien des Jugendamts sind manchmal nervig – die beiden Jungen aber nerven nie.

Reza ist 16. Seine Eltern stammen aus Afghanistan, leben aber im Iran. Raschid ist 18 und ebenfalls Afghane. Natürlich sind das nicht ihre richtigen Namen. Seit März 2016 wohnen die beiden bei mir, meinem Mann, unserem zwanzig Jahre alten Sohn und dessen Lebensgefährtin, hier in Köln.

Die beiden Jungs sind ruhig, zurückhaltend, fleißig, hilfsbereit, wissbegierig und sehr respektvoll. Und sie haben einen tollen Charakter. Raschid hat vor einiger Zeit eine Geldbörse mit 300 Euro gefunden – und sie dem Besitzer sofort vorbeigebracht. Fünfzig Euro Finderlohn hat der glückliche Mann ihm angeboten. Und was macht Raschid? Er handelt ihn auf 22 Euro herunter – weil er fünfzig einfach zu viel fand. Dabei hätten die beiden jeden Grund, an ihren Mitmenschen zu verzweifeln. Raschid stammt aus der gehobenen Mittelschicht Afghanistans. Die Taliban wurden auf den Jungen aufmerksam, wollten ihn wortwörtlich als Kanonenfutter. Nachts saßen die Männer seiner Familie auf dem Dach seines Elternhauses und bewachten sein Leben. Reza gehörte als Schiit im sunnitischen Iran zu einer Minderheit. Und er ist ein Hazara. Die Hazara sind eine Volksgruppe mit mongolischen Wurzeln.

Auf dem Bauch trägt er die Narben von zwei Messerstichen. Er redet nicht darüber, aber es muss Menschen gegeben haben, die ihm nach dem Leben trachteten. Ich bin so dankbar, dass die Eltern der beiden Wege gefunden haben, ihre Kinder da rauszubringen. Und was die beiden auf der Flucht zu Fuß, in Bussen und in kleinen Booten auf dem Mittelmeer alles erlebt haben …! Darüber möchte ich gar nicht nachdenken.

Beide gehen gerne zur Schule und sprechen schon sehr gut Deutsch. In unsere Familie haben sie sich wunderbar eingefügt. Abends bringen sie uns Tee, der Große hat unseren Garten auf Vordermann gebracht – und

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