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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2017
Glauben Männer anders?
Das schillernde Verhältnis von Männern zur Religion
Der Inhalt:

Frauen und Blumen und Streit

von Andrea Teupke vom 22.09.2017
Studierende einer Hochschule in Berlin wollen ein Gedicht entfernen lassen. Ist das Zensur?

Der Zankapfel ist ein Gedicht. Auf Spanisch. Seit sechs Jahren prangt es an der Südfassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin und lautet übersetzt: »Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer«. In seiner Knappheit ist dieses Loblied auf die weibliche Schönheit durchaus charmant, wenn auch etwas vage; ob es jemals viel Aufmerksamkeit erregt hat, lässt sich nachträglich kaum noch überprüfen. Das änderte sich jedoch schlagartig, als die Studentenvertretung der Hochschule eine Neugestaltung der Wand forderte. Die Studierenden erklärten in einem offenen Brief, das Gedicht reproduziere »eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren«, zudem erinnere es »unangenehm an sexuelle Belästigung«, der Frauen alltäglich ausgesetzt seien. Seitdem wird erregt debattiert: Gedichte überstreichen? Darf man das?

Der Schriftstellerverband PEN schaffte es, in einer einzigen Pressemitteilung dazu folgende Begriffe unterzubringen: »Bilderstürmerei«, »barbarischer Schwachsinn« und »Zensur«. Die meisten Feuilletonisten geben ihm recht und verweisen auf die Literaturgeschichte: Der Autor sei schließlich Eugen Gomringer, ein in Ehren ergrauter Wegbereiter der Konkreten Poesie, sein 1952 entstandenes Gedicht ein Meilenstein der Literaturgeschichte, und überhaupt müsse man Kunst immer in ihrem Kontext betrachten.

Doch was heißt das? Ist Poesie somit sakrosankt und für immer und alle Zeiten unantastbar? In der Aula meiner Schule hing ein Wandfries mit der Zeile des Dichters Horaz: »Dulce et decorum est pro patria mori.« Übersetzt bedeutet das: Süß und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben. Auf die Idee, eine Umgestaltung der Aula zu fordern, kam damals niemand. Dabei hätte man gut das erschütternde Gedicht des britischen Dichters Wilfred Owen danebenhängen können, der unter demselben Titel einen Gasangriff im Ersten Weltkrieg beschrieb und so die Verlogenheit und Unmenschlichkeit dieser Zeilen entlarvte.

»Tempora mutantur« – die Zeiten ändern sich. Und auch Gedichte haben eine Halbwertszeit. Einige altern besser, andere schlechter, und manche werden mit der Zeit unverständlich. Wer würde heute noch an einer Schulwand das Schiller-Zitat anbringen: »Drinnen waltet

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