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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2017
Glauben Männer anders?
Das schillernde Verhältnis von Männern zur Religion
Der Inhalt:

Fünf Schattierungen von Grau

vom 22.09.2017
Kolumne von Anne Lemhöfer:

Der Vorgarten spiegelt die Seele der Hausbewohner, heißt es. Wenn das stimmt, muss ich mir um meine Freundin Jule wirklich Sorgen machen. Dann versteinert ihre Seele nämlich gerade. Gut, mit Steinen hatte sie es schon immer (»Der Aquamarin hilft gegen die typische Unruhe von Personen mit schlechtgestelltem Merkur im Geburtshoroskop, denk mal drüber nach!«) Aber ihre Seele blühte trotzdem so fröhlich wie die Gartenkräuter auf ihrem Rührei und das farbenfrohe Gemüse-Arrangement, das bei ihr in die Couscous-Pfanne kam. Und ihr Vorgarten erst, der war so bunt, wie er bei sehr netten, etwas chaotischen Menschen mit wenig Zeit eben bunt ist: Sonnenblumen, Rittersporn, Sonnenblumen, Lavendel, Sonnenblumen, Bartnelken, Sonnenblumen und eine gelbe Königskerze blühten da pflegeleicht und sympathisch vor sich hin. Dieses Jahr im frühen Frühjahr allerdings hatte sich Jule eine Woche freigenommen, um »den Garten ganz neu zu machen«.

Ich war im Vergleich zu Jule immer eine eher unmotivierte Gärtnerin. Zum Gedeihen bringe ich nur Sonnenblumen (viele, viele), Gänseblümchen (viele, viele, viele), Tomätchen (ein paar) und diesen Bambus, der sowieso nicht totzukriegen ist, selbst wenn ich es wollte. Entsprechend unbunt sieht das aus, wenn man bei uns durchs Fenster schaut. Jule toppt das jetzt: Bei ihr blüht nämlich gar nichts mehr. Nicht mal mehr ein Gänseblümchen.

Sie hat einen Kiesgarten. Allein das Wort, geht das nicht als Paradoxon durch? Ich behaupte, sie folgt da einem sehr fragwürdigen Trend. Sie behauptet, ihre innere Ruhe gefunden zu haben. Die Alex aus dem Yoga hat das jetzt auch so. Jule sagt: »Die wellenförmige Struktur der Kiesfläche stellt das Wasser als heilendes Element dar, die Steine stehen im Spannungsverhältnis zueinander. Ich weiß, das sieht man vielleicht nicht sofort, aber man muss sich eben ein bisschen eindenken.«

Statt durch eine blühende Landschaft verläuft der Weg zu ihrer Haustür mit dem Keramikeulenschild nun durch eine konkurrenzlos pflegeleichte Einöde aus Steinbrocken. Die wilde Farbexplosion ist fünf Schattierungen von Grau gewichen. Oooommmmm. Wenigstens die Couscous-Pfanne ist so bunt wie immer. Zum Kiesgarten hätte ein asketisches Mahl aus trockenem Brot und Leitungswasser allerdings besser gepasst. Oder pflegeleichte Ofen-Pommes.

Mir fällt das schon länger auf: Wo es früher grünte und blühte, sieht es heute aus

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