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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2015
Höchste Zeit
Klimakrise: Die Politik, der Papst und die Menschheit. Worauf es jetzt ankommt
Der Inhalt:

Die ewige Doppelmoral

Der Westen hat in der arabischen Welt Wind gesät. Nun sieht er sich einem Sturm der Gewalt gegenüber. Wie es dazu kam und was daraus folgt, erklärt Nahostexperte Michael Lüders

Publik-Forum: Sie behaupten, der Westen habe den islamistischen Terror gefördert. Das klingt ziemlich provokant ...

Michael Lüders: In vielerlei Hinsicht ist das aber so. Westliche Politiker haben wesentlich dazu beigetragen, den Islamismus zu befördern. Und wenn wir über den Staatsverfall in großen Teilen der arabischen Welt sprechen, müssen wir zugeben: Er ist in wesentlichen Teilen das Ergebnis westlicher Interventionspolitik.

Können Sie das belegen?

Lüders: Zwei konkrete Beispiele: Die Amerikaner haben gemeinsam mit den Saudis im Afghanistan der 1980er-Jahre die Mudschahedin, Glaubenskämpfer also, mit Waffen und Geld ausgestattet, als die gegen die dortigen sowjetischen Besatzer kämpften. Einer von denen, die davon profitierten, war Osama Bin Laden. Aus diesen Mudschahedin entwickelten sich dann nach dem Abzug der Sowjets 1989 in Afghanistan die Taliban beziehungsweise Al Qaida. Ähnliches gilt für den Werdegang des »Islamischen Staates«. Der IS entstand auf den Trümmern des nach dem Sturz von Saddam Hussein völlig zerstörten Irak.

Wie konnte das geschehen?

Lüders: Die Amerikaner hatten keinen Plan für ihre Besatzungspolitik. Sie haben nach Gutsherrenart regiert, jede Form gemäßigter Politik an den Rand gedrängt und sehr stark auf den konfessionellen Faktor gesetzt: Sunniten gegen Schiiten, Kurden gegen Araber. Und das Ergebnis war, dass eine sunnitische Widerstandsbewegung entstand, aus deren Reihen dann schließlich der IS erwuchs. Doch das hat eine Vorgeschichte: 13 Jahre lang war der Irak vor dem Sturz Saddams mit westlichen Sanktionen belegt. Medikamente, medizinische Geräte und Chlor zur Trinkwasseraufbereitung wurden nicht ins Land gelassen. Mehr als eine Million Iraker starben an den Folgen britischer und amerikanischer Sanktionen, davon die Hälfte Kinder. Diese vorsätzlich herbeigeführte Verelendung der irakischen Bevölkerung gehört zu den am wenigsten bekannten Verbrechen westlicher Politik nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie ist eine der wesentlichen Ursachen für den Zusammenbruch zivilisatorischer Werte im Irak, auf den schließlich der IS folgte.

Das klingt, als ob an allem nur der Westen schuld sei. Ist das nicht zu einfach?

Lüders: Natürlich ist westliche

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