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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2011
Auf Leben und Tod
Streit um die Organspende
Der Inhalt:

»Die klaffende Schere«

von Sylvia Koppelberg vom 23.08.2011
Die UNO kritisiert die hohe Armut in Deutschland. Zu Recht? Fragen an den Armutsforscher Walter Hanesch

? Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit geht zurück. Und nun kommt die UNO und wirft Deutschland vor, zu viel Armut zu haben. Die Regierung sagt, die UN-Zahlen seien wissenschaftlich nicht belegt. Stimmt das?

! Nein. Die Vorwürfe lassen sich leicht durch Zahlen belegen, die auch in Deutschland vorliegen. 15 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, also fast jeder Siebte. Darunter sind etwa 2,5 Millionen Kinder. Im Moment erhalten 7,7 Millionen Menschen staatliche Sozialleistungen wie Grundsicherung und Hartz IV. Anspruch darauf hätte noch ein Drittel mehr.

? Armut ist demnach kein Problem einer kleinen Randgruppe?

! Nein. Heute kann jede Person, auch wenn sie ein passables Einkommen und eine scheinbar gesicherte Position hat, ganz schnell in Hartz IV abrutschen.

? Welche Rolle spielt die Altersarmut?

! Die Analysen zeigen, dass Rentner zurzeit unterdurchschnittlich stark von Armut betroffen sind, seltener als Familien mit mehreren Kindern oder Alleinerziehende. Aber der Anstieg ist bei den über 65-Jährigen stärker als in anderen Bevölkerungsgruppen. Alle einschlägigen Prognosen gehen davon aus, dass die Altersarmut in den nächsten Jahrzehnten dramatisch zunehmen wird. Das hängt mit den »Reformen« zusammen, die das Rentenniveau stetig gesenkt haben. Und damit, dass die Erwerbstätigkeit bei immer mehr Menschen Lücken aufweist. Aber auch und vor allem mit der Zunahme von geringfügiger und Teilzeitarbeit, schlechter bezahlter Leiharbeit und Niedriglöhnen und damit verbunden: niedrigen Rentenbeiträgen.

? Der UNO-Bericht rügt die »Ungerechtigkeiten auf dem deutschen Arbeitsmarkt«.

! Wir hatten schon immer ein Zweiklassensystem in der Arbeitswelt. Aber früher gab es schlecht bezahlte und schlecht geschützte Beschäftigungsverhältnisse nur in Randbereichen. Dramatisch ist, dass sie zunehmend zum prägenden Prinzip für die gesamte Arbeitswelt werden. Der Anteil der Erwerbstätigen in der Bevölkerung ist zurzeit so hoch wie noch nie. Aber zugleich haben wir auch den höchsten Anteil an prekären Beschäftigungsverhältnissen. Seit Ende der 1990er-Jahre klafft die Einkommensschere immer we

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