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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2012
Heilsame Netze
Warum wir andere Menschen brauchen
Der Inhalt:

Trost für das Jammertal

von Andreas Boueke vom 19.06.2012
Keine andere Laienbewegung wächst in Lateinamerika so schnell wie die katholischen Charismatiker und protestantischen Pfingstler. Geistgebete und Heilungen statt politischer Aktion

Iduvina Toc leidet seit Tagen an einer Grippe. Ihre Beschwerden sind von Tag zu Tag schlimmer geworden. Sie ist 52 Jahre alt und lebt mit einer Tochter und sechs Enkeln tief unten in einer Schlucht am Rande von Guatemala-Stadt. Ein charismatischer Laienprediger und einige Nachbarn kommen, um ihr beizustehen. Auch ihre jüngste Tochter Silvana ist zu Besuch. Während in der Hütte gebetet wird, sitzt die junge Silvana vor dem Eingang auf einem Mäuerchen aus Lehm und gibt ihrem Baby die Brust. »Ich weiß nicht, was meine Mutter hat. Die Leute beten für sie. Sie sagen, sie sei sehr krank. Nur Gott weiß, was sie hat. Sie ist jetzt in seinen Händen. Die Leute sind gekommen, um für sie zu beten.«

Keine andere Laienbewegung war in den vergangenen zwei Jahrzehnten weltweit so erfolgreich wie die Charismatische Erneuerung. Das gilt sowohl für die katholischen Charismatiker als auch für die protestantischen Pfingstler. In den 1990er-Jahren errechneten Demografen, dass jede Stunde vierhundert Katholiken zu den protestantischen Pfingstlern übertraten. In Lateinamerika gelingt es der katholischen Kirche inzwischen, diesen Mitgliederschwund zu bremsen.

Wundersame Heilung.In dem kleinen Schlafzimmer von Iduvina Toc sind zehn Personen versammelt. Die Luft ist stickig und heiß. Es riecht nach Schweiß und Alkohol. Ein Mann hält die Kranke fest an den Schultern. Eine Frau gestikuliert heftig und fordert die bösen Geister auf, den schwachen Körper der Frau zu verlassen: »Geht jetzt weg! Geht weg!«, schreit sie.

Charismatische Christen wie Iduvina Toc fragen oft nicht danach, wie es zu Krankheiten kommt oder welche gesellschaftlichen Umstände zu Not und Armut führen. Sie glauben, der Heilige Geist könne in sie fahren und den Dämon der Krankheit austreiben. Nach dem gemeinsamen Beten fühlt sich Iduvina Toc schnell deutlich besser. Sie kann wieder aufrecht auf dem Bett sitzen und ist überzeugt, dass Gott und die Gebete sie auf den Weg der Genesung gebracht haben. Sie ist froh und dankbar, denn einen Arztbesuch kann sich die Frau nicht leisten. Sie hat zwölf Kinder zur Welt gebracht, jedoch nie ein Bankkonto eröffnet. »Manchmal erschrickst du, dass du so viele Kinder hast«, erzählt sie. »Alle zwei Jahre kam ein neues Kind. Ob das gut ist oder schlecht, wer weiß das schon?«

Unweit von Iduvina Tocs Hütte tri

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