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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2016
Klare Kante, neue Hoffnung
Der Katholikentag in Leipzig
Der Inhalt:

Der Mystiker von heute - ein Psychonaut?

von Michael Schrom, Anne Strotmann vom 10.06.2016
Ich glaub nix, mir fehlt nix. Und irgendwann bin ich dann mal weg. Oder auch nicht. Sprechversuche mit und ohne Gott

Eine Gruppe von ostdeutschen Schülern wird gefragt, ob sie eher christlich oder atheistisch eingestellt seien. Zuerst verstehen sie die Frage nicht. Dann antwortet einer für alle: »Weder noch. Wir sind einfach normal.« Der Religionsphilosoph Eberhard Tiefensee erzählt diese Anekdote gerne, um westdeutschen Christen klarzumachen, wie schräg und schrill die Wörtchen Gott, Kirche und Religion in den Ohren der meisten ostdeutschen Jugendlichen klingen. Es handele sich um eine Generation, die schlicht vergessen hat, dass sie Gott vergessen hat.

Ob es Tomas Halik als Jugendlicher im Prag der 1960er-Jahre nicht etwas leichter hatte? Im Alter von 16 Jahren, erzählt der Soziologe, Theologe und Schriftsteller, also genau dann, »wenn man ohnehin alle von außen kommenden Wahrheiten infrage stellt«, habe er sich im staatlich verordneten Atheismus zu Gott »durchgezweifelt«. Es überzeugten ihn nicht die klassischen Gottesbeweise. »Vielmehr dachte ich mir: Wenn es in der Welt Atheisten gibt, dann muss es auch das Gegenteil davon geben. Sonst würde ihre Position ja keinen Sinn ergeben.« Heute sagt er, dass »die Dankbarkeit für eine bunte Welt intuitiv zur Welt des Glaubens strebt, ohne dass dabei die Zweifel aufhören würden«.

In jedem Gläubigen ein Atheist

Dass in jedem echten Gläubigen ein kleiner Atheist steckt, würde auch Eberhard Tiefensee unterschreiben. Spannender ist jedoch die Umkehrfrage: Steckt auch in jedem Atheisten ein kleiner Gottsucher? Wenn das so wäre, so müsste man den Noch-nicht-Gläubigen ja nur etwas Hilfestellung in Sachen Selbsterfahrung vermitteln. Doch so leicht ist es nicht. Der Kölner Theologe Hans-Joachim Höhn, der sich mit der Frage beschäftigt, ob es auch Glaubenserfahrungen ohne Religion geben kann, unterscheidet zwischen theistischen und säkularen Formen der Mystik. Religiöse Mystiker, so Höhn, suchen nach dem Sinn und dem Grund des Daseins. Dabei treibt sie der Wunsch, den »Abstand zwischen Ich und Transzendenz zu verkürzen«, möglichst eins zu werden mit dem Unsagbaren, dem Unbegreiflichen, mit dem Geheimnis, das die religiöse Sprache »Gott« nennt. Geradezu klassisch bringt dies das berühmte Augustinus-Zitat auf den Punkt: »Unruhig ist mein Herz – bis es ruht in dir.«

Säkulare Mystiker dagegen sind Skeptiker. Sie finden keine Bleibe in den etablierten Religionen. Im Unterschied zu den religiösen Mystikern dient ihn

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