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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2018
Frieden in einer irren Welt
Katholikentag 2018: Ängste, Ideen, Sehnsüchte
Der Inhalt:

Frieden schaffen ohne Religion

von Alexander Schwabe vom 25.05.2018
Das Ende des Dreißigjährigen Krieges bietet eine Blaupause für die Lösung heutiger Konflikte

Plötzlich war die alte Schärfe da. Jene Entschiedenheit, in der in den 1980er-Jahren heftig über Krieg und Frieden, Pazifismus und Waffengewalt gestritten wurde, als es etwa um den Nato-Doppelbeschluss und die atomare Aufrüstung ging. Udo Steinbach, der mehr als dreißig Jahre das Orient-Institut in Hamburg geleitet hat, griff den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm wegen dessen Haltung in der Syrienfrage an: »Ich finde Ihre Position extrem schwach«, hielt er dem Bischof vor. »Wo sind die Kirchen geblieben?«, fragte Steinbach aufrüttelnd. Sie hätten sich wie die gesamte Gesellschaft in einer »Attitüde der Bequemlichkeit« eingerichtet.

Der Bischof hatte sich sehr gewunden. Alles, was der Pazifismus verlange, sei richtig. Andererseits, klar, es stelle sich die Frage, ob der Westen hätte früh eingreifen und Präsident Baschar al-Assad ausschalten müssen, um zu vermeiden, was kam: 350 000 Tote und total zerstörte Städte. Es sei ein Dilemma, drückte sich Bedford-Strohm um eine Antwort.

Diese Art der Konfrontation, die konsequente Zuspitzung, ist selten geworden. Man streitet heute milder. Analyse ist gefragt, der Austausch von Argumenten. Dabei belässt man es gern. Das muss kein Nachteil sein. Die Fähigkeit zur Ambiguität, zur Mehrdeutigkeit, kann möglicherweise eher zu Lösungen führen als ein Entweder-oder. Dennoch müssen Politiker und damit die Gesellschaft irgendwann entscheiden: Angriff, ja oder nein?

Vielleicht liegt der Grund, sich nicht festlegen zu wollen, an »dem gravierenden Defizit an strategischem Denken«, das der Politikwissenschaftler Herfried Münkler der Gesellschaft bescheinigt. Statt geopolitische Herausforderungen anzupacken, bemühe man lieber Gerichte oder flüchte sich ins Moralische. Und darin liegt wohl das Dilemma des evangelischen Bischofs. Doch moralische Normen und Imperative könne »man sich leisten, solange nicht die Gefahr droht, die aufgezeigten Werte und die aus ihnen resultierenden Verpflichtungen durchsetzen zu müssen«, so Münkler.

Es war historisches Terrain, auf dem in Münster diskutiert wurde. Denn der hier ausgehandelte Westfälische Friede und der vorausgegangene Krieg – mit dreißig Jahren der längste und für die Bevölkerung brutalste – dienen etlichen Wissenschaftlern und Politikern als Blaupause für das Verständnis ähnlich gelagerter Kriege heut

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