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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2016
Der neue Mensch
Jens Reich über Fluch und Segen der Gen-Medizin
Der Inhalt:

Raus aus der Opferfalle

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 25.03.2016
Geflüchtete Menschen werden entmündigt und in die Passivität gedrängt. Ein Plädoyer für mehr Verantwortung

Eigentlich müsste man Respekt und Bewunderung empfinden. Da sind Menschen durch die Wüsten und über das Meer gekommen; starke Menschen, die den Mut hatten, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Und doch herrscht mit Blick auf Geflüchtete vor allem Mitleid vor. Flüchtlinge werden als Opfer gesehen. Richtig ist: Sie sind Opfer der Verhältnisse in ihren Heimatländern. Schwach sind sie deshalb noch lange nicht. »Wer den anderen als Opfer auffasst, macht sich dadurch selbst zu einem Überlegenen«, schreibt der italienische Literaturwissenschaftler Daniele Giglioli. »In dem Augenblick, in dem man dem anderen das Recht auf Mitleid zugesteht, verweigert man ihm ein unendlich bedeutenderes: das auf Gleichheit.«

Kilian Kleinschmidt würde das sofort unterschreiben. Er war 25 Jahre lang für das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen in der ganzen Welt tätig und leitete unter anderem eines der größten Flüchtlingslager der Welt, Zaatari in Jordanien. Rund 80 000 geflohene Syrer leben dort, so viele wie in einer mittelgroßen Stadt. »Sie haben auf der Flucht vieles verloren, aber nicht den Willen, für sich selbst verantwortlich zu sein«, sagt Kleinschmidt. »Man muss sie nur lassen.« Verantwortung ist für den Krisenmanager ein Schlüsselwort. Westliche Hilfsorganisationen würden schutzsuchende Menschen häufig entmündigen. »Menschen zur Verantwortung zu ziehen gehört aber zur Menschenwürde dazu«, betont er.

Im Lager in Zaatari wurde ihm das drastisch vor Augen geführt: Dort herrschte erst einmal Chaos, als Kleinschmidt ankam. Die Bewohner montierten Gemeinschaftstoiletten ab, um sich eigene Nischen zu bauen, und zapften aus den Laternen Strom ab, um damit Handel zu treiben. Die UN-Mitarbeiter waren entsetzt. »Die Flüchtlinge haben unzählige Gebäude einfach gestohlen. ›Privatisiert‹, wie sie sagten. Wir fanden das gar nicht lustig«, erinnert sich Kleinschmidt, der heute das österreichische Innenministerium zu Integrationsfragen berät. Am Anfang wollte er die Elektriker verhaften lassen, die Strom geklaut und verbaut hatten. »Dann haben wir zusammen Strom geklaut«, sagt er und lacht. Kleinschmidt begann, die Menschen in Zaatari wie die Bewohner einer Stadt zu behandeln. Gemeinsam und auf Augenhöhe, wie er betont, lenkten sie die Privatisierungen in geordnete Bahnen. Die Bewohner gründeten eine Elektrizitätsgesellschaft, die von 250 Elektrikern koo

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