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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2012
Gesellige Einzelgänger
Pilgern: Sich selbst auf der Spur – und vielleicht auch Gott
Der Inhalt:

Europa und der Wilde Osten

von Adelbert Reif vom 04.05.2012
Wohin bewegt sich Russland? Wie steht es um das Land wirklich? Fragen an den Russlandexperten Alexander Rahr

Publik-Forum: Herr Rahr, wie schätzen Sie die politische Bedeutung der aktuellen Demonstrationen in Russland ein?

Alexander Rahr: Das ist ein Protest der neuen politischen Mittelklasse, die es so vor einem Jahr noch nicht gegeben hat. Die Leute fordern mehr Transparenz bei Wahlen und mehr politische Freiheiten. Es ist klar, dass sich die Machtelite diesen Forderungen stellen muss. Ansonsten wird sie verlieren.

Erst in jüngster Zeit hat die Aufmerksamkeit für Russland wieder zugenommen. Davor war es aus dem Blickfeld des westeuropäischen Interesses gerückt. Worauf führen Sie diesen Verlust an Aufmerksamkeit zurück?

Rahr: Dafür gibt es viele Gründe. Da ist zunächst einmal die Enttäuschung des Westens, dass Russland es nicht geschafft hat, in den 1990er-Jahren eine westliche Demokratie aufzubauen. Eine weitere Enttäuschung traf linksgerichtete westliche Intellektuelle. Sie konnten Gorbatschow nicht verzeihen, dass er die Sowjetunion nicht in ein sozialdemokratisches Land reformierte. Stattdessen ist Russland seit dem Zerfall der Sowjetunion in Richtung eines Nationalstaates marschiert. Das macht europäischen linksgerichteten Intellektuellen Angst.

Dieser russische, noch dazu religiös verbrämte Nationalismus hat durchaus etwas Beunruhigendes. Wie schätzen Sie die geistige Sprengkraft dieses Nationalismus ein?

Rahr: Es ist einfach zu sagen, dass er eine Gefahr darstellt. In der Welt des 21. Jahrhunderts ist jede Form von Chauvinismus, von überzogenem Patriotismus gefährlich und passt nicht in die globalisierte Welt. Deshalb ist das zu kritisieren. Auf der anderen Seite muss man sich fragen, wo die Russen nach diesen 75 Jahren Kommunismus, in denen sie ständig unter der Herrschaft der Lüge und Illusionslosigkeit und in einem geistigen Nebel gelebt haben, ihre Identität hernehmen sollen. Sie haben Marx und Lenin studiert und wussten, dass das alles nicht stimmt. Sie durften nicht reisen. Sie konnten nicht Russen sein, wie Ukrainer nicht Ukrainer und Georgier nicht Georgier sein durften. Von daher ist es nachvollziehbar, dass in solchen Gesellschaften der einfache Ruf nach einem Nationalgedanken, einer nationalen Identität, einem Nationalstaat lauter ist als der Wunsch, sich einer nationalen Werteordnung unterzuordnen. Man sollte diese nat

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