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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2012
Gesellige Einzelgänger
Pilgern: Sich selbst auf der Spur – und vielleicht auch Gott
Der Inhalt:

Ein Ort der Achtsamkeit

von Bettina Röder vom 04.05.2012
Glauben, singen, lernen: Wenn der Thomanerchor sein 800-jähriges Bestehen feiert, wird gleichzeitig ein Campus für Kinder und Jugendliche eingeweiht. Ein Besuch in Leipzig

Es ist einer dieser grauen Tage im März. Das Kopfsteinpflaster glänzt vom Nieselregen, wer schnell den Weg nach drinnen findet, ist froh. Auch Christian Wolff, Pfarrer an der altehrwürdigen Thomaskirche zu Leipzig, eilt durch die Straßen der Messe- und Musikstadt: Vorbei an den Plattenbauten, wo einst die Stasi wohnte, vorbei an ehrwürdigen Bürgerhäusern aus der Gründerzeit. Dann ist er angekommen, wo er wollte: bei seinem Lebenswerk. Das ist ein Traum, der zum Teil schon verwirklicht ist, er trägt den komplizierten Namen Musikalisches Bildungscamp Forum Thomanum. Doch das Prinzip ist einfach. Es geht um Musik und Glauben, die ganz selbstverständlich zum Leben dazugehören. Und der weltberühmte Thomanerchor mittendrin. »Glauben, singen, lernen, das ist unser Motto hier«, sagt der 62-Jährige. Eine Kindertagesstätte mit Krippe für hundert Kinder besteht bereits, eine Grundschule wurde ins Leben gerufen, die noch ausgelagert ist. Auf der Thomasschule, dem Gymnasium, lernen 700 Schülerinnen und Schüler, darunter knapp 100 Thomaner. Es gibt eine villa thomana, da üben sie. »Wenn ich die Muskeln nicht trainiere, indem ich täglich laufe, verkümmern die«, sagt Christian Wolff. Genauso sei das mit dem Singen, mit der Musik, dem Glauben. Er biegt in die Bachstraße ein, wo am 20. März der Campus eingeweiht wurde. Es ist der Tag, an dem der Thomanerchor 800. Geburtstag feiert.

»Die DDR wollte ihn immer vereinnahmen«, erinnert sich Christian Führer, der einstige Pfarrer der Nikolaikirche. »Das muss man wissen, um die Bedeutung dieses neuen Campus zu verstehen.« Der Jungenchor, seit der Reformation städtisch, aber für die Kirchenmusik zuständig, sollte »verweltlicht« werden. Die Thomanerschule wurde in einen DDR-Plattenbau in der Pestalozzistraße verlegt. Der Chor sollte vor allem zu staatstragenden Gelegenheiten singen. Dank Bachs Nachfolger, Hans-Joachim Rotzsch, dem Thomaskantor in der DDR, gelang das nicht so, wie von Margot Honecker geplant. Doch einfach war es nicht. Der Campus, wo nun alles vereint ist und Neues durch Bürgerengagement entstand, ist für Führer ein Glücksfall, ermöglicht durch die Friedliche Revolution.

Hinter den Gerüsten tönen Bohrmaschinen, ein Containerbau steht an der Ecke. Hier hat der Thomanerchor seine Bleibe. Vorläufig. Denn an dem schräg gegenüberliegenden Gründerzeitbau wird noch gearbeitet. Dort sollen die 93 Jun

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