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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2012
Ende eines Traums?
Die Zukunft der arabischen Revolution
Der Inhalt:

»Man könnte jemanden töten«

von Latif Khaled* vom 04.05.2012
Im Syrien dieser Tage herrscht Willkür und nackte Gewalt. Eine diplomatische Lösung scheint unmöglich. Einblicke in ein Land, das seine Zukunft sucht

Die ersten Eindrücke von Syrien waren von Chaos geprägt. Im Alter von 12 Jahren reiste ich das erste Mal dorthin. Vorher war es nicht möglich, weil mein Vater Probleme mit dem Militär hatte und jahrelang nicht einreisen konnte.

Um nach Syrien zu kommen, bedurfte es immer besonderer Planungen. Die Verwandtschaft musste reichlich beschenkt werden – schließlich reiste man aus dem reichen Deutschland an. Vor den Zollbeamten wusste ich nicht genau, wie ich mich verhalten sollte; der Umgangston war schroff. Die Männer nahmen unsere deutschen Reisepässe und die syrischen Personalausweise, die sie dann stundenlang bei sich behielten. Sie wollten Geld – für irgendetwas, das sie sich ausdachten. Vor allem meine Mutter wehrte sich und nahm in Kauf, dass wir aufgehalten wurden. Die andere Möglichkeit wäre gewesen, jemanden anzurufen, der so viel Einfluss hat, dass man uns innerhalb von fünf Minuten abgefertigt hätte – oder auf die orientalische »Tradition« zurückzugreifen, jedem etwas Geld für die »Kaffeekasse« zuzustecken.

Nachdem der jetzige Präsident Baschar al-Assad 2000 die Macht übernommen hatte, wandelte sich dieses Gebaren ein wenig zum Besseren, aber der Beamtenwillkür wurde auch unter ihm kein Ende gesetzt. Nach Syrien zu reisen bedeutete immer, sich der Staatsgewalt zu beugen.

Seit über vierzig Jahren regiert der Assad-Clan dieses wunderschöne Land, wo Esel durch die Basare geführt werden, Autofahrer mit Megafonen Wassermelonen anpreisen und Männer und Frauen im Park Wasserpfeife rauchen und mit ihren Kindern spielen. Syrien ist ein multikultureller Staat. Nur wenige Orte auf dieser Welt haben diese Glaubens- und Ethnienvielfalt: Juden, Drusen, Christen, Alawiten, Muslime, Araber, Kurden, Tscherkessen, Armenier, Turkmenen, Aramäer leben hier. Doch die Syrer sind vom Misstrauen untereinander geprägt: Im Syrien der Assads lernte man, niemandem außer der engsten Familie zu trauen. Zu groß war die Gefahr, dass man an einen der unzähligen Geheimdienstmitarbeiter geriet, die Land und Bevölkerung wie ein Krebsgeschwür durchsetzt haben. Selbst im Ausland suchen Syrer ihre syrischen Freunde sehr genau aus, um sich keinen Spion ins Haus zu holen.

Ein untrügliches Zeichen für die Kollaboration mit dem Regime war oft übermäßiger Wohlstand. Dazu gelangten die meisten nur durch dubiose Verbindungen oder Bestechungsgelder. Im Grunde gibt es kaum eine Fam

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