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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2012
Wenn Gott nicht eingreift
Theologen suchen neue Antworten
Der Inhalt:

Gott will das nicht

von Johanna Haberer vom 04.05.2012
Opfer, wehrlose und hilflose, entstehen dort, wo keiner sich mehr selbst riskiert, wo niemand sich verschenkt. Dort, wo es keine selbstlose Liebe gibt

Man kann die Geschichte von Isaak, der von seinem Vater geopfert werden soll, auf viele verschiedene Weisen erzählen. Lassen wir jetzt aber mal Gott außen vor. Begeben wir uns auf Spurensuche an den Tatorten, die Menschen selbst zu verantworten haben.

Das Mädchen Lena Sophie, gerade zwei Jahre ist sie alt. Sie ist verhungert und verdurstet. Der kleine Junge Kevin, er wurde totgeprügelt, und die achtjährige Jessica wurde, bevor sie starb, jahrelang ohne Licht in einem abgedunkelten Zimmer gehalten wie ein Nachttier. Am Ende hat sie ihre eigenen Haare gegessen.

Dass Kinder zu Opfern werden, das gibt es nicht nur in den beinharten Zeiten der alttestamentlichen Väter. Das gibt es jeden Tag trotz Kinderschutz und Jugendämtern, trotz Familiengeld und Kindergärten. Wenn Kinder zu Opfern ihrer eigenen Eltern werden, reagieren wir aufgeschreckt und zutiefst alarmiert. Tatorte, an denen Eltern ihre wehrlosen Kinder verletzen, demütigen, töten, rühren an unsere empfindlichsten Seiten.

Die Geschichte von Vater Abraham und Sohn Isaak zwingt uns hinzusehen, wo wir gern wegsehen würden, sie gründet in unseren Albträumen. Eine Art Familienaufstellung der brutalen Art. Wo nicht verschwiegen wird, dass es vorkommt, dass Eltern ihre Kinder zu Opfern machen. Zu Opfern ihrer Selbstverwirklichung, zu Opfern ihrer Gefühllosigkeit und Gleichgültigkeit, zu Opfern ihrer eigenen Verwahrlosung und Sucht, aber auch zu Opfern ihres Ehrgeizes. Nach dem Motto: Ich bin am Boden zerstört, wenn mein Kind in der Schule nicht die Leistung bringt, die ich erwarte ... ich, ich, ich ... auch solche Eltern, aus gutbürgerlichen Kreisen, machen Kinder zu Opfern.

Auf eine abgründige Weise ist uns diese Familienaufstellung hautnah. Weil wir Erwachsenen alle das Spiel von den unterschiedlichen Seiten her kennen: Auch wenn ich lange erwachsen bin, erinnere ich mich an die Ohnmacht gegenüber dominierenden Eltern, die Gehorsam fordern oder Leistung, bisweilen Unterwerfung. Vor allem ungezählte Frauen kennen dieses Gefühl, zum Opfer gemacht zu werden von Kindesbeinen an: dieses Gefühl von Demütigung, Gängelung und Gewalt. Deshalb bleibt diese Geschichte im Gedächtnis – zutiefst anstößig und angstbesetzt. Tatort Familie.

Im ersten Buch der Bibel wird die Geschichte von der verhinderten Opferung des kleinen Isaak erzählt, um alle wissen zu lassen, dass es ein für al

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