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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2012
Wenn Gott nicht eingreift
Theologen suchen neue Antworten
Der Inhalt:

der Hartnäckige

von Eckhard Stengel vom 04.05.2012
Ludwig Baumann, Wehrmachtsdeserteur, wird mit neunzig Jahren endlich staatlich geehrt: für seinen Kampf um die Rehabilitierung von NS-Kriegsdienstverweigerern

Seine Ohren wollen nicht mehr so recht. Vielleicht mussten sie zu oft Schimpfwörter anhören: »Feigling« zum Beispiel. Oder »Vaterlandsverräter«. Oder »Dreckschwein«. Auch seinem Rücken sieht man an, dass Ludwig Baumann nicht mehr der Jüngste ist: Der ehemalige Wehrmachtsdeserteur geht ein bisschen gebeugt. Aber er ist eine Symbolfigur für den aufrechten Gang. Baumann lässt sich nicht kleinkriegen: Mit jahrelanger hartnäckiger Lobbyarbeit hat er erreicht, dass der Bundestag nach und nach alle Deserteure, »Wehrkraftzersetzer« und »Kriegsverräter« der Nazizeit rehabilitiert hat. Die halbe Weltpresse hat schon über den Bremer berichtet. 1995, als er noch am Kämpfen war, bekam er den alternativen Aachener Friedenspreis. Er musste neunzig werden, um jetzt erstmals auch vom Staat geehrt zu werden – mit einem Senatsempfang im Bremer Rathaus.

Wäre es nach den Militärrichtern des Deutschen Reichs gegangen, dann hätte Ludwig Baumann nicht mal seinen 21. Geburtstag erlebt: Todesurteil wegen Fahnenflucht. Der schmächtige Rentner wird nicht müde, seine Geschichte zu erzählen – bedächtig und abgeklärt, ohne spürbare Hassgefühle. Es war im Frühjahr 1942; der junge Maurer diente als Marinegefreiter im besetzten Frankreich, in der Hafenkompanie Bordeaux. Mit den Nazis hatte er nie viel im Sinn gehabt. Hitlerjugend? Ohne ihn. Als er dann den Hafen von Bordeaux bewachen musste, lernte er Widerstandskämpfer kennen, Franzosen, die ihre Hilfe anboten. Allmählich reifte in ihm die Entscheidung heran: Bloß weg hier! Er wollte sich nicht länger als Soldat missbrauchen lassen für einen grausamen Krieg.

Nein, ein politisch bewusster Widerstandskämpfer sei er damals nicht gewesen, räumt Baumann ein und dämpft damit Bewunderer, die ihn zum Helden oder Antihelden machen wollen. »Ich will meine Fahnenflucht nicht glorifizieren«, sagt er. »Ich wollte nicht andere umbringen, aber ich wollte auch frei sein, wollte einfach leben.«

Eines Nachts, so erinnert sich Baumann, war es dann so weit: Gemeinsam mit einem Freund brach er in eine Waffenkammer ein. Mit Pistolen in der Tasche schlichen sie sich in Zivil zu den Franzosen, die mit einem Laster an der Kasernenecke auf sie warteten. Ihr Ziel: über die Grenze ins unbesetzte Frankreich und dann via Marokko in die USA – »der Traum meiner Freiheit«. Aber als die beiden im Morgengrauen über die Grenze wollten, lief ihnen eine deutsche Zollstreife über den

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