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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2018
Gott neu denken
Über die Versöhnung von Glaube und Wissenschaft
Der Inhalt:

»Ich kann doch nicht nichts tun«

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 12.01.2018
Die Israelin Yehudit Elkana engagiert sich mit der Organisation »Yesh Din« für die Rechte der Palästinenser

»Yesh Din« bedeutet auf Hebräisch: Es gibt ein Recht. Das treibt mich an, deshalb habe ich die israelische Menschenrechtsorganisation Yesh Din 2005 mitgegründet. Wir setzen uns ein gegen Gewalt von jüdischen Siedlern gegenüber Palästinensern, Landraub und Gewalt durch israelische Sicherheitskräfte. Auf juristischem Wege. Einmal in der Woche fahre ich in die besetzten Gebiete. Bei einem Glas Tee erzählen mir Palästinenser, was vorgefallen ist. Neulich etwa haben Siedler nachts auf die Zelte von Beduinen Steine geworfen. Häufig gehe ich mit dem Betroffenen zu einer Polizeistation, um Anzeige zu erstatten. Alleine können die Palästinenser dort oft nicht hin, weil viele Polizeistationen in den jüdischen Siedlungen liegen und sie diese nicht betreten dürfen. Natürlich werden sie auch ganz anders behandelt, wenn ich als Israelin dabei bin.

Ich bin 83 Jahre alt und liege damit voll im Durchschnitt: Wir Freiwilligen sind alle zwischen siebzig und neunzig. Schon 1967 dachte ich mir: So kann das nicht weitergehen. Israel muss raus aus den besetzten Gebieten! Leider ist das nicht erfolgt. Darum fing ich Ende der 1980er-Jahre an, mich bei Women in Black zu engagieren. Jeden Freitagmittag hielten wir in Jerusalem Plakate in die Höhe, auf denen stand: »Nein zur Besatzung!« Später ging ich mit anderen Frauen zu israelischen Kontrollposten, um mitzuerleben, was dort geschieht. Daraus ist die Organisation MachsomWatch entstanden. »Machsom« heißt auf Hebräisch »Barrikade«. Wir dokumentieren, wie die Soldaten mit Palästinenserinnen und Palästinensern umgehen.

Manchmal konnten wir etwas bewegen. Ich erinnere mich an eine Szene am Checkpoint in Bethlehem. Eine Frau kam mit ihrem Sohn dorthin, der an einer schlimmen Augeninfektion litt. Der Soldat wollte sie nicht durchlassen. Da bin ich zu ihm hin und habe gesagt: »Hör mal, es gibt nur in Jerusalem eine Augenklinik. Lass sie durch!« Am Ende hat er Mutter und Kind passieren lassen. Solche kleinen Erfolge sind leider selten.

Ich bin selbst Mutter und Großmutter. Nächstes Jahr leistet eines meiner Enkelkinder seinen Militärdienst in den besetzten Gebieten. Möglicherweise stehe ich ihm irgendwann an einem Checkpoint gegenüber.

Meine Eltern flohen 1933 aus Hitlerdeutsch

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