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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2012
2012: Wir steigern das Bruttosozialglück
Umbau der Wirtschaft
Der Inhalt:

»Wir suchen den Gott des Lebens«

von Thomas Seiterich vom 04.05.2012
Obgleich die Kolonialkirche Sklavenhandel und Ausbeutung betrieb: Kaum irgendwo sonst boomt das Christentum so sehr wie im Krisenstaat Kongo. Fragen an den Theologen Boniface Mabanza

Publik-Forum: Kaum eine Nation wird in der Gegenwart so geschunden wie der Kongo. Das Land rangiert auf dem letzten Platz aller Staaten beim jährlich erhobenen »Human Development Index« der UNO. Welche Rolle spielt der Gottesglaube im Kongo?

Boniface Mabanza:Eine große und zentrale Rolle spielt Gott im Kongo. Weil unser Alltag, das Leben der einfachen Leute, dauernd von Chaos und Krise erschwert ist. Der Staat, die Polizei, die Rente, die medizinische Versorgung für alle – alles Selbstverständlichkeiten in Deutschland – funktionieren im Kongo nicht oder nur höchst unzuverlässig. Die Leute verfügen zwar über manche ortsangepasste Überlebenstechnik, doch sie besitzen kaum materielle und psychische Reserven. Deshalb geht es, ungeachtet all der selbstgestrickten, bewunderungswürdigen Solidaritätsnetzwerke im »kleinen Raum« des täglichen Überlebens, für den Einzelnen relativ rasch um Sein oder Nichtsein, um Leben und Tod – zum Beispiel bei einem Verkehrsunfall oder wenn man erheblich erkrankt. In dieser Lebenswelt ist Gott für die Kongolesen der große, vertraute Begleiter und sehr präsent. Ihm vertrauen die Leute ihre Sorgen an.

An welchen Gott wird denn geglaubt?

Mabanza: An einen Gott des Lebens und der Gerechtigkeit, der an der Seite der Unterdrückten und der Schwachen steht. Dieser Gott ist auf geheimnisvolle Art treu, wenngleich er – wie das die Kongolesen täglich erfahren – oftmals nicht mächtig ist. Er ging und geht mit ihnen durch ihre Geschichte: durch die kollektive Leidensgeschichte der Vorfahren und den Sklavenhandel zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert. Er ging mit durch die Kolonialgeschichte, als die brutalsten aller Kolonialherren, die Belgier, Hunderttausenden die Hand abschlugen, weil sie nicht rasch genug schufteten. Gott geht auch mit in der Gegenwart, die gezeichnet ist durch die neuen Versuche der Weltmächte, mittels korrupter Eliten den Kongo auszubeuten und die Bevölkerung niederzuhalten. Die entscheidende Frage lautet bei uns nicht wie in Europa: Existiert Gott überhaupt? Sie lautet für die Menschen im Kongo: Wie ist Gott? Beziehungsweise: Wo ist Gott? Wenn, wie im Dezember geschehen, junge Demokraten erschossen werden, weil sie gegen den Wahlbetrug durch die Staatsmacht friedlich protestierten – wo ist da Gott?

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