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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2012
2012: Wir steigern das Bruttosozialglück
Der Inhalt:

Ich trinke von einer alten Wahrheit

von Fulbert Steffensky vom 04.05.2012

Man bekennt seinen Glauben nicht, indem man fast kostenlos und folgenlos einen bestimmten überlieferten Text im Gottesdienst spricht oder singt. »Bekennen« ist ein Wort aus Gefahrenbereichen. Es richtet sich gegen etwas, es tritt ein für etwas, es kostet etwas. Keiner wird, zumindest in unseren Gegenden, ins Gefängnis geworfen, wenn er das Glaubensbekenntnis spricht. Insofern ist das Bekenntnis, allsonntäglich in unseren Gottesdiensten gesprochen, ein verbilligtes Bekenntnis.

Der Unterschied zwischen einem gefährlichen und einem ungefährlichen Bekenntnis ist schon in der Sprache spürbar: Den Glauben bekennen – das Glaubensbekenntnis sprechen. Das Wort Sprechen drückt die größere Distanz zum Akt des Bekennens aus. Dies sage ich, um die Bedeutung jenes Bekenntnisses zu relativieren. Ich habe einen Vorbehalt gegen die unbedingten Befürworter des Glaubensbekenntnisses; ich habe aber auch einen Vorbehalt gegen seine unbedingten Gegner.

Der Vorbehalt gegen die Befürworter: Sie verkennen, dass alle Glaubensaussagen poetische Annäherungen an die Wahrheit sind. In unsere Aussagen über die Schöpfung, über die Erlösung und über Christus sind unsere Leiden, unsere Wünsche und unsere Ängste eingewickelt. Das macht die Verschiedenartigkeit und die Lebendigkeit eines Bekenntnisses aus.

Die Glaubensaussagen verlieren immer da ihre Kraft, wo sie als objektive verstanden werden, zu allen Zeiten und von jedem zu machen, unüberholbar und unberührt von den Zeitläufen und den Schicksalen ihrer Bekenner. Religiöse Sprache ist, wo sie den Namen verdient, eine poetische Sprache, das heißt, dass sie nicht zu hören ist abgelöst von den Sprechenden, von ihren Tränen und von ihrem Jubel. Sie ist gerade keine Einheitssprache, die zu allen Zeiten zwischen Tokio und Lima gilt. Sie ist Auslegung, nicht nur Rezitation eines immer schon Gesagten.

Das heißt nicht, dass sie die willkürliche Expression der Gemütslagen von unverbundenen Individuen ist. Wir haben Texte und Traditionen, die unsere Auslegung richten, sie aber nicht beherrschen. In jede Auslegung gehen das Charisma und die Blindheit der Auslegenden ein. Das heutige, in unseren Gottesdiensten gesprochene Glaubensbekenntnis ist also nicht notwendig und es ist nicht entbehrlich.

Die Sprache der Toten. Warum halte ich es in dieser oder jener Form für nicht entb

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