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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2019
Sind wir noch zu retten?
Was in der Klimakrise hoffen lässt
Der Inhalt:

Wehret dem Schlafwandeln

von Alexander Schwabe vom 11.10.2019
Die tödlichen Schüsse und der Angriff auf die Synagoge in Halle ließen viele Bürger erzittern. Sie müssen Anlass sein, sich bewusst zu machen, wie anfällig die Mitte der Gesellschaft ist für antisemitische und fremdenfeindliche Haltungen
Halle an der Saale: Trauernde legen an der Mauer der Synagoge Blumen nieder und zünden Kerzen an. (Foto: pa/dpa/Soeren Stache)
Halle an der Saale: Trauernde legen an der Mauer der Synagoge Blumen nieder und zünden Kerzen an. (Foto: pa/dpa/Soeren Stache)

Er war ein Einzeltäter. Schlimm, aber das kommt vor. Legen wir uns wieder schlafen. So lange, bis erneut ein Einzeltäter zuschlagen wird. Dann wird es nicht anders sein: Politiker werden herunterbeten, dass die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt werden müssen – und betonen, dass es absolute Sicherheit nicht geben kann. Kritische Geister werden darauf insistieren, dass wir uns fragen müssen, ob wir auf dem rechten Auge blind sind. Es wird Aufrufe geben, dass die Zivilgesellschaft enger zusammenstehen muss. Es wird getrauert und sich empört werden. Dann ist wieder Ruhe. Bis zum nächsten Mal. Das kommt bestimmt.

Der Angriff auf die Synagoge in Halle ist keineswegs ein singulärer Vorfall. Der Täter mag allein geschossen haben, doch sicher mit dem Gefühl, im Einvernehmen mit Gleichgesinnten der rechten Szene zu handeln – und, viel schlimmer, mit der Gleichgültigkeit viel zu vieler rechnen zu können oder gar mit deren leiser Zustimmung. Menschenverachtung hat sich längst in politische Programme gefressen und stößt bei einem deutlich zu großen Teil der Wähler auf Zuspruch.

Lange waren offen antisemitische Neonazis in Schach zu halten. Sie waren leicht auszumachen. Waren abstoßend in ihrem Erscheinungsbild – Glatzen, Springerstiefel und martialisches Auftreten. Platt und widerwärtig posaunten rechte Agitatoren ihre menschenfeindlichen Parolen hinaus. Heute gehen sie subtiler vor – und wirksamer: Sie lassen ihren Antisemitismus nicht mehr offen erkennen. Stattdessen pfropfen sie uns Denkstrukturen auf, pflanzen uns Argumentationsmuster ein, sorgen für Assoziationsketten in unserer Gefühls- und Bilderwelt, die ihre Ideologie unterschwellig befördern. Schleichend werden breite Schichten anfälliger für ihre schlich

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