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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2020
Der Gott von gestern
Warum die Kirchen in der Krise sprachlos sind
Der Inhalt:

»Schritte ins Neuland«

von Barbara Tambour vom 22.07.2020
Sozialprotokoll: Benjamin Lapp (40) ist Legastheniker, sollte auf die Sonderschule. Doch er machte Abitur, studierte – und er schreibt Gedichte. Die Geschichte eines Mannes, der sich nicht entmutigen lässt
Ließ sich niemals entmutigen: Benjamin Lapp hat entgegen dem Rat seiner Grundschullehrerin erst die Haupt-, dann die Realschule besucht und schließlich Abitur gemacht. Im Fernstudium vertieft er nun seine Kenntnisse im »Literarischen Schreiben« (Foto: Barbara Tambour)
Ließ sich niemals entmutigen: Benjamin Lapp hat entgegen dem Rat seiner Grundschullehrerin erst die Haupt-, dann die Realschule besucht und schließlich Abitur gemacht. Im Fernstudium vertieft er nun seine Kenntnisse im »Literarischen Schreiben« (Foto: Barbara Tambour)

Vor Kurzem ist ein Gedicht von mir in der »Frankfurter Bibliothek – Jahrbuch für das neue Gedicht« erschienen. Wer meine Geschichte nicht kennt, kann nicht erahnen, was das für mich bedeutet. Ich bin Legastheniker. Der Weg vom Wort in meinem Kopf zum geschriebenen Wort auf einem Blatt Papier war deshalb schon immer ein Hindernislauf für mich. In der Grundschule war ich so schlecht in Deutsch – meine Diktate waren komplett rot –, dass meine Lehrer mir keine Note darauf geben wollten und meinen Eltern empfahlen, mich auf die Sonderschule zu schicken. Meine Mutter aber bestand auf Noten und sagte: »Jetzt hat er eine Sechs, wenn er auf eine Vier kommt, wird er sich freuen.«

Als ich einmal ein bisschen vorlaut war, sagte meine Lehrerin: »Jemand, der so schlecht schreiben kann wie du, sollte den Mund halten.« Das hat mich sehr verletzt. In der dritten, vierten Klasse wäre ich am liebsten nicht mehr zur Schule gegangen. Bis abends saß ich mit meiner Mutter am Küchentisch und habe gebüffelt. Am Ende der Grundschule hieß es dann: »Der kann höchstens auf die Hauptschule.« Zum Glück hatte ich dort eine Klassenlehrerin, deren Ziel es war, unser Selbstvertrauen aufzubauen. Denn für uns Hauptschüler war klar: Wir sind die untersten. Bei meiner Lehrerin spürte ich: Die glaubt an mich.

Nach der Hauptschule habe ich eine Lehre in einer kleinen Schreinerei gemacht, einem Familienbetrieb, in dem der Arbeitstag immer mit einem Ring Fleischwurst und einem ordentlichen Frühstück begann. Ich richtete mich in dieser kleinen Welt ein. Was für ein Schock, als ich am Ende der Ausbildung wegen schlechter Auftragslage nicht übernommen wurde. Heute sage ich: Welch ein Glück, denn dadurch entschied ich mich, die mittlere Reife nachz

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