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Tagebuch aus Kiew
»Ich hasse die Russen nicht«

vom 06.05.2022
In der neuen Folge ihres Kriegstagebuchs aus Kiew erklärt Natalia P., warum es keinen Frieden mit Russland geben kann, bis der letzte russische Soldat die Ukraine verlassen hat. Und worin sie ihr Land überlegen sieht.
Russische Soldaten in der Ukraine: »Habe das Gefühl, dass wir stärker sind als sie.« (Foto: pa/Citypress24)
Russische Soldaten in der Ukraine: »Habe das Gefühl, dass wir stärker sind als sie.« (Foto: pa/Citypress24)

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In jetzigen Phase arbeite ich sehr viel. Ich bin den ganzen Tag im Ministerium und sitze meist abends noch bis spät vor dem Computer. Bis zum Krieg war es für mich und meinen Mann, der im Umweltministerium Staatssekretär ist, mit unserer Tochter okay. Aber nun sind wir in einer neuen Realität. Mein Ministerium ist dafür verantwortlich, alle Ukrainer mit Häusern und Wohnungen zu versorgen. Das ist im Moment extrem schwierig. Wir haben Gebiete, die besetzt sind. In anderen wird gekämpft, manche sind schon befreit.

Wir haben keinen Überblick, wie viele Häuser im ganzen Land bereits zerstört wurden. Alleine in Kyiv und Umgebung sind es mindestens 3000. Als UN-Generalsekretär Guterres vergangene Woche in unserer Hauptstadt war, hat die russische Armee hier gezielt zivile Häuser mit Raketen angegriffen. Dabei starb auch ein Journalist. Wir müssen sehr viel regeln und organisieren, um den Wiederaufbau vorzubereiten und diejenigen unterzubringen, die keine Wohnung mehr haben und obdachlos sind. Im Osten und Süden können wir die Situation zur Zeit nur beobachten.

Wir versuchen im Kontakt mit internationalen Organisationen, erst mal mobile Unterkünfte für die Menschen zu beschaffen, die durch die Bombardierungen ihre Häuser und Wohnungen verloren haben. Da ich gut Englisch spreche ist meine Aufgabe, dafür Dokumente zu erstellen und zu übersetzen. Einige der Häuser wird man wahrscheinlich wieder aufbauen können, vieles werden wir neu bauen müssen. Das wird eine gewaltige Aufgabe nicht für fünf, sondern viele Jahre werden, wenn der Krieg vorbei ist.

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Die Russen zahlen wie wir Steuern. Aber diese Gelder werden nicht genutzt, um Häuser und Wohnungen in ihrem Land zu bauen, sondern Raketen und Bomben, um unsere Häuser zu vernichten, Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, die Infrastruktur, unser ganzes Land. Genauso wie in Syrien und schon in Georgien und Tschetschenien. Es ist ihnen egal. Vielleicht werden später einmal russische Kinder ihre Eltern und Großeltern fragen: Was habt Ihr in der Ukraine und den andere Ländern gemacht? Warum habt ihr den Krieg nicht gestoppt? Warum habt ihr mitgemacht und Putin und sein Regime unterstützt? So wie es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg war.

Ich war nur einmal in Russland, 2009, als ich anfing zu arbeiten, in Sankt Petersburg. Mein Mann war schon vorher dort und auch in Moskau. Meine Schwiegermutter, die wie er russischsprachig ist, hat in Sankt Petersburg studiert, in guten Zeiten für uns Ukrainer. Wir haben mit ihr oft darüber gesprochen, mit ihr und unserer Tochter gemeinsam dorthin zu fahren. Aber schon nach dem Angriff 2014 wollte ich nicht einmal die Krim besuchen, erst recht nicht russische Städte. Millionen Ukrainer haben Verwandte und Freunde in Russland, und umgekehrt. Auch das ist jetzt zerstört.

Ich hasse die Russen nicht. Ich verstehe sie nur nicht. In meiner Seele ist kein Platz, jemanden zu hassen. Aber ich mag die russische Sprache und Kultur nicht. Sie sind für mich Ausdruck eines aggressiven Volkes und Landes. Für die Russen und die russische Regierung zählt nicht, dass viele Menschen in der Ukraine Russisch sprechen. Es geht allein um ihren imperialistischen Appetit. Sie wollen uns einverleiben. Als Ukrainischsprachige habe ich das Gefühl, dass wir stärker sind als sie, nicht nur physisch und mit unserer Armee, sondern auch in der Mentalität.

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