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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2020
»Die Zeit läuft uns weg«
Ein Gespräch mit Georg Bätzing
Der Inhalt:

»Ich habe mich immer geschämt«

von Gunhild Seyfert vom 06.06.2020
Jeremias Thiel wuchs in Armut auf, hatte nur ein Paar Schuhe, war niemals im Verein. Heute studiert er in den USA. Über die Frage »Wie haben Sie das geschafft?« ärgert er sich. Ein Gespräch
 Unsichtbare Mauern: Wer in Deutschland in Armut lebt, gehört nicht dazu (Foto: pa/dpa/Britta Pedersen)
Unsichtbare Mauern: Wer in Deutschland in Armut lebt, gehört nicht dazu (Foto: pa/dpa/Britta Pedersen)

Publik-Forum: Herr Thiel, Sie wurden in eine arme Familie hineingeboren und sind in Armut aufgewachsen. Wie haben Sie als Kind Ihre Armut erlebt?

Jeremias Thiel: Ich habe gespürt, dass ich nicht dazugehöre und immer am Rand stehe. Zu den Geburtstagsfesten der anderen Kinder war ich fast nie eingeladen. Meine Eltern waren auch schon bekannt bei den anderen Eltern, sie wollten mit uns eigentlich nichts zu tun haben. Ich wäre auch gerne in einem Sportverein gewesen, aber das ging nicht. Nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch, weil meine Eltern mangelndes Interesse hatten, dass ich da mitmache. Ich war sozial isoliert. Das merkt man deutlich als junger Mensch.

Wie merkten Sie das, wie fühlte sich das an?

Thiel: Ich schämte mich, weil ich, wenn ich ausnahmsweise doch mal zu einem Geburtstag eingeladen war, kein Geburtstagsgeschenk hatte. Ich schämte mich dafür, dass ich keine Freunde zu uns nach Hause einladen konnte, weil meine Eltern das nicht erlaubt haben. Sie wollten wohl um Himmels willen vermeiden, dass jemand mitbekam, wie beengt und chaotisch wir lebten. Als ich als Zehnjähriger im Kommunionunterricht saß, hatte ich nur ein einziges Paar Schuhe und meine Füße müffelten. Ich war ständig beschäftigt, mich oder meine Füße zu verstecken.

Gab es für Sie als Kind auch mal unbeschwerte Zeiten, in der Freizeit vielleicht?

Thiel: Freizeit gab es nicht, jedenfalls nicht im Sinne von gestalteter Freizeit. Auch in freien Stunden war da so eine Gedankenlast, weil ich viel Verantwortungsgefühl hatte. Meine Eltern waren nicht in der Lage zu arbeite

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