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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2018
Gott neu denken
Über die Versöhnung von Glaube und Wissenschaft
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Gegen das Gift des Hochmuts

von Konrad Weiss vom 12.01.2018
Kriegstreiberei, Umweltzerstörung, ein neuer Nationalismus und jede Menge autoritärer Herrscher. Jetzt ist es Zeit für die Renaissance einer geächteten Tugend. Ein Plädoyer von Konrad Weiß für mehr Demut
Nicht nur das Gebahren von US-Präsident Donald Trump ist für Konrad Weiß Anlass, neu über Demut nachzudenken, die archaische Ideologie des Hochmuts gewinnt vielerorts an Boden (Foto: pa/ Kaster)
Nicht nur das Gebahren von US-Präsident Donald Trump ist für Konrad Weiß Anlass, neu über Demut nachzudenken, die archaische Ideologie des Hochmuts gewinnt vielerorts an Boden (Foto: pa/ Kaster)

In meiner Jugend bin ich mit der Aktion Sühnezeichen nach Auschwitz gepilgert. Wir waren die erste Gruppe junger Deutscher, die im ehemaligen Vernichtungslager gearbeitet hat. Wir waren damit betraut worden, die Grundmauern des sogenannten Weißen Hauses, der ersten Vergasungsstätte in Birkenau, zu suchen und freizulegen. Auf den Feldern um das Gehöft herum hatte die SS die Asche der Ermordeten verstreuen lassen. Nun, 1965, zwanzig Jahre nach dem Krieg, war Gras darüber gewachsen. Doch wenn wir einen Grasboden aushuben, griffen wir in die Asche der ermordeten Menschen. Und zuweilen fanden wir letzte Habseligkeiten, Gebissteile, ein Brillengestell, eine Kindermurmel.

Es gibt Orte, die demütig machen. Auschwitz gehört dazu. Bis heute kann ich nicht ohne tiefste Scham dort sein. Es war und ist für meine Generation und für die Nachgeborenen ja nicht die Frage der Schuld. Kollektivschuld gibt es nicht, Schuld ist immer etwas Persönliches. Aber Scham und Demut bleiben an diesem Ort keinem Deutschen erspart. Und das ist heilsam. Daraus kann die Verantwortung erwachsen, dafür einzutreten, dass Auschwitz nie mehr geschieht.

Zu Beginn des Jahres 2018 stehen wir wieder vor Herausforderungen, wie es sie lange nicht mehr gab. Vielerorts in der Welt scheint Nationalismus an Boden zu gewinnen, jene archaische Ideologie des Hochmuts, die andere Menschen geringer schätzt als die eigene Sippe. Das hochmütige »America First« des amerikanischen Präsidenten droht auszulöschen, was wir im letzten Jahrhundert mühsam genug über Menschenrechte und Demokratie, Solidarität und Verantwortung füreinander begriffen haben.

Eine rastlose Wachstumspolitik versucht hochmütig, die Grenzen der Natur zu ignorier

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