Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Ausdruck entstammt der Darstellung Ihres Browsers. Schöner, weil komplett gestaltet, bekommen Sie den Text ausgedruckt mit einem Digital-Zugang, der noch weitere Vorteile hat. Infos dazu finden Sie unter https://www.publik-forum.de/premium.

Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2017
Die Tücken des fairen Handels
Im Norden boomt Fair Trade - im Süden wächst die Kritik
Der Inhalt:

Festnahme im Kirchenasyl: »Ein echter Tabubruch«

In Ludwigshafen hat die Polizei kürzlich drei koptische Christen, die aus Ägypten stammen, im Kirchenasyl festgenommen und vom Stuttgarter Flughafen aus abgeschoben. Fragen dazu und zu den Folgen der Asylrechtsverschärfung an Dietlind Jochims, Vorsitzende der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche
Dietlind Jochims ist Pastorin, Vorsitzende der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche sowie Flüchtlingsbeauftragte in der Nordkirche (Foto: pa/Charisius)
Dietlind Jochims ist Pastorin, Vorsitzende der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche sowie Flüchtlingsbeauftragte in der Nordkirche (Foto: pa/Charisius)

Publik-Forum: Frau Jochims, ein Kirchenasyl in Ludwigshafen wurde jetzt mit Polizeigewalt beendet. Mit welcher Begründung?

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 10/2017 vom 26.05.2017, Seite 9
 Die Tücken des fairen Handels
Die Tücken des fairen Handels
Im Norden boomt Fair Trade - im Süden wächst die Kritik

Dietlind Jochims: Ich habe keine Begründung erhalten. Ich weiß nur, dass die kirchlichen Beauftragten in diesem Fall Zeit erbeten hatten zur Überprüfung einiger Dokumente. Das ist üblich, wenn die Not drängt, wenn es fünf vor zwölf ist und das Kirchenasyl schnell gewährt werden muss. Im Fall dieser koptischen Familie wurde das Kirchenasyl geräumt, bevor die kirchlichen Vertreter Kenntnis dieser Dokumente hatten. Das ist ein echter Tabubruch.

Nachdem der Innenminister sich 2015 kritisch zum Kirchenasyl geäußert hatte, haben die Kirchen das Gespräch mit dem Bundesamt für Migration (BAMF) gesucht. Der Minister hat dann seine fundamentale Kritik zurückgenommen. Was bedeutet da der neue Vorfall?

Jochims: Vor Kurzem erst hat der Innenminister gesagt, es gebe zu viele Kirchenasyle. Das ist mit der staatlichen Akzeptanz von Kirchenasylen immer so ein Auf und Ab, je nach politischer Großwetterlage. Ich würde mir dringend wünschen, dass wir dazu kämen, uns sachlich mit den inhaltlichen Anliegen von Kirchenasylen auseinanderzusetzen. Nämlich mit der Vermeidung von besonderen Härten für einzelne Menschen. Und dass wir nicht wieder nicht so einen politischen Showdown erleben müssen.

Was heißt das?

Jochims: Wenn der Bundesinnenminister und das ihm unterstellte BAMF 2015 gesagt haben, dass sie grundsätzlich sehen, dass es Notwendigkeiten für das Kirchenasyl geben kann, und wir vereinbaren, wie man damit vernünftig umgehen kann, dann wünsche ich mir auch, dass das passiert. Eine Räumung gehört sicher nicht zum vernünftigen Umgang mit diesem Thema.

Allein im vergangenen Jahr gab es 692 Fälle mit gut tausend Menschen im Kirchenasyl. Wie viele wurden erfolgreich beendet?

Jochims: Im ganz überwiegenden Teil konnten sie beendet werden und es ging erst einmal hier in Deutschland weiter. Mit der Bezeichnung »positives Ende« bin ich ein bisschen zurückhaltend.

Anzeige

Taizé heute. Das kleine Gleichnis für eine versöhnte Welt

Die Anziehungskraft von Taizé ist auch nach dem Tod des Gründers ungebrochen. Das burgundische Dorf ein Ort kraftvoller ... mehr

Warum?

Jochims: Weil es sich zum größten Teil um sogenannte Dublin-Fälle handelt. Das heißt, dass der Antrag dann auch noch einmal in Deutschland geprüft wird. Die meisten Verfahren sind aber erfolgreich.

Was würden Sie sich wünschen?

Jochims: Dass wir uns viel mehr inhaltlich mit der Not der Menschen durch Mängel in unserem EU-Asylsystem auseinandersetzen. Wir haben viel zu viele Menschen, denen es aufgrund unserer Bestimmungen in Europa sehr schlecht geht.

Können Sie das konkretisieren?

Jochims: Wir wissen von Frauen, die in Italien sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind, weil sie auf der Straße schlafen. Wir hören, dass Geflüchtete in Ungarn und Bulgarien misshandelt werden. Das sind Geschichten von Menschen, die innerhalb Europas zum Teil seit zehn Jahren auf der Flucht sind.

Der Bundestag hat letzte Woche eine Verschärfung des Asylrechts beschlossen. Was erwarten Sie für das Kirchenasyl?

Jochims: Wir hatten schon im letzten Jahr einen enormen Anstieg der Anfragen. Die Not und Verzweiflung der Menschen werden durch die neuen Gesetze, man nennt sie ja auch »Hau-ab«-Gesetze, enorm verschärft. Wir müssen sehen, wie wir da mit Beratungsstrukturen und Aufklärung hinterherkommen. Kirchengemeinden werden hoffentlich wachsam die Lage begleiten. Aber Kirchenasyl kann kein Allheilmittel sein.

Kommentare
Der Kommentierungszeitraum für diesen Artikel ist abgelaufen, daher können Sie ihn leider nicht mehr kommentieren.
Newsletter bestellen
Melden Sie sich kostenlos für den regelmäßigen Newsletter von Publik-Forum mit aktuellen Neuigkeiten und Zusatzinformationen an.