Die Angst der syrischen Christen
Tag für Tag ertönen Alarmrufe von Kirchenführern aus dem Bürgerkrieg in Syrien. Die Dringlichkeit und Drastik der Hilfeschreie steigt, je mehr das bedenkenlose Assad-Regime und sein massenmörderisches Militär im Krieg gegen die Bevölkerungsmehrheit in Bedrängnis gerät.
Tatsächlich befindet sich die 10-Prozent-Minderheit der Christen, die in gut ein Dutzend verschiedene Kirchen und Konfessionen gespalten ist, in akuter Gefahr. Verliert die von fast aller Welt außer Russland und China geächtete Assad-Diktatur den Krieg, befürchten die syrischen Kirchenführer für die Zukunft das Schlimmste: eine Christenverfolgung und -vertreibung wie nach dem Sturz von Diktator Saddam Hussein im Nachbarland Irak.
Doch längst zerreißt dieser Bürgerkrieg die Kirchen Syriens. Die Spaltung verläuft zwischen oben und unten. Viele »Christen von unten« schlugen sich auf die Seite der Aufständischen. Sie bekämpfen ein verhasstes Regime, das mit einem Wust von Geheimpolizeien und Folter herrschte und dessen ursprünglich links-nationalistische Baath-Ideologie sich als Lüge entpuppte, zur Bemäntelung der Geld- und Machtgier des Assad-Clans und seiner Gefolgsleute.
Zugunsten des Regimes beziehen nicht nur greise, auf Lebenszeit gewählte Patriarchen orientalischer und orthodoxer Kirchen Position, sondern auch jüngere, westlich gebildete Kirchenführer wie der katholische Jesuitenbischof Antoine Audo oder sein syrisch-katholischer Kollege Elias Tabe. Sie erklären, der Aufstand resultiere aus »einer internationalen Verschwörung«, gesteuert von den arabischen Ölscheichtümern und deren intolerantem Macht-Islam wahabitischer oder salafistischer Ausprägung. Laut einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zur Situation der Christen in Syrien sind viele hochrangige Berater Assads – bis zum Militärminister – Christen. Manche Bischöfe hätten direkten Zugang zum Präsidenten. »Die Kirchen sind gekauft worden und haben sich kaufen lassen«, kritisiert Othmar Oehring, Menschenrechtsexperte des katholischen Hilfswerks Missio in Aachen. »Dass es so viele Tote gibt, blenden sie aus.«
Die Kirchenoberen hegen eine berechtigte Furcht: Nämlich die, ob die säkulare Verfassung Syriens mit ihrer Religionsfreiheit für alle nach Assad noch Bestand haben wird. Der Krieg wird immer mehr zum Religionskrieg. Denn über die Religion bestimmt in Syrien nicht, wie im Westen, jeder Einzelne, sondern das Schicksal der Geburt. Syrer oder Syrerin ist und bleibt man stets in seiner durch Herkunft bestimmten ethnischen und damit auch religiösen Gemeinschaft. Und so sind die Aufständischen in großer Mehrzahl Sunniten – wie übrigens auch ihre Verbündeten und Finanziers in Saudi-Arabien und Katar. Assads Sturmtruppen und Schlächter bestehen zumeist aus Alawiten. Sie zählen zu einer schiitisch geprägten islamischen Minderheit. Zu ihr zählt auch der Assad-Clan, der vom schiitischen Iran Hilfe erhält.
Weshalb verläuft die Revolution in Syrien um so vieles gewaltsamer als beispielsweise die in Tunesien? Weil in Tunesien Diktator und Unterdrückte, Regierungstruppen und Revolutionäre allesamt ein und derselben Religion angehörten, dem sunnitischen Islam. Verläuft die Trennung nach Religion jedoch entlang der – zudem noch ethnischen – Front wie in Syrien oder dem Irak, droht ein Versinken in blutigem Bürgerkrieg. Denn religiös stimulierter Hass auf den andersgläubigen Gegner befeuert die Grausamkeit in den Kämpfen. Eine aufgeputschte Religion wirkt im Konfliktverhalten von Gruppen als gefährlicher Emotionsverstärker.
Was tun? Auf Religionsebene ist der Vatikan gefragt, als nüchterner Fürsprecher sämtlicher Kirchen vor Ort. Denn Rom bildet die einzige Politikzentrale mit belastbaren Verbindungen zu allen Kriegsbeteiligten, auch innerhalb des saudischen Islams. Und zugleich müssen Deutschland und der Westen den Aufständischen massiv klarmachen, dass ihre Zusage, die Religionstoleranz weiterzuführen, nach der Revolution auch verwirklicht wird.
