Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2015
Kann Religion Frieden?
Was die Macht des Terrors bricht
Der Inhalt:

»Wir Alten werden zu Müll erklärt«

von Udo Taubitz vom 17.03.2015
Früher waren sie wegen ihrer Erfahrung wichtig. Heute sieht man die Alten als Versorgungsfälle. Was muss geschehen, damit das Alter wieder kostbar und lebenswert wird? Reimer Gronemeyer, Theologe und Soziologe, sucht Antworten. Ein Interview
Für den 75-jährigen Soziologen Reimer Gronemeyer hat die Vision von einem erfüllten Alter viel mit Befreiung zu tun: »Ich weiß, dass ich Menschen brauche. Ich weiß, dass ich soziale Wärme brauche. Aber das konsumistische Alter, das im Mehr-Mehr-Mehr seine Erfüllung sucht, das ist der falsche Dampfer«, sagt der Theologe und Soziologe (Foto: pa/Galuschka)
Für den 75-jährigen Soziologen Reimer Gronemeyer hat die Vision von einem erfüllten Alter viel mit Befreiung zu tun: »Ich weiß, dass ich Menschen brauche. Ich weiß, dass ich soziale Wärme brauche. Aber das konsumistische Alter, das im Mehr-Mehr-Mehr seine Erfüllung sucht, das ist der falsche Dampfer«, sagt der Theologe und Soziologe (Foto: pa/Galuschka)

Publik-Forum: Herr Gronemeyer, wie alt fühlen Sie sich?

Reimer Gronemeyer: Als ich heute Morgen aufgestanden bin, hab ich mich so alt gefühlt, wie ich bin, nämlich 75. Aber jetzt gerade finde ich mich eher in den frühen 60er-Jahren wieder. Das gefühlte Alter schwankt.

Und wenn Sie in den Spiegel schauen?

Gronemeyer: Dann sind meine Falten mir meistens voraus. Ich fühle mich jünger, als ich aussehe. Es gibt Tage, an denen man voller Leidenschaft und Lebenskraft ist – und Tage, in denen die Traurigkeit und die Melancholie stärker sind.

Stimmungsschwankungen sind kein Privileg des Alters.

Gronemeyer: Aber das Bewusstsein für die Befristetheit des Lebens ist mit zwanzig noch nicht so ausgeprägt. Im Alter weiß man, wie kostbar der Augenblick ist. Ich hab vorhin ein Musikstück gehört, den Schluss aus der »Kunst der Fuge« von Bach, das hat mich ganz tief ergriffen. Ich bin jetzt im hohen Alter für Musikstücke, für Bilder, für Naturerlebnisse tiefer empfindsam als früher.

Sind Sie stolz auf die Falten in Ihrem Gesicht?

Gronemeyer: Nein, überhaupt nicht. Das wäre eine große Torheit. Es gibt Dinge, die sich in meinem Gesicht abzeichnen: Glück, Unglück, Schuld, Leidenschaft, Verrat. Aber es gibt keinen Grund, darauf stolz zu sein. Dass unser Gesicht die Geschichte unseres Lebens mitteilt, ist schön und schrecklich zugleich. Ich hab kürzlich mit einem älteren Herrn in einer Talkshow gesessen, der hatte sich die Falten wegmachen lassen. Da hab ich gedacht: Man kann sich so die Demenz auch ins

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen