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Die Offenbarung der Stille

Mark Rothko war einer der der bedeutendsten Maler des 20. Jahrhunderts. Seinen Bildern zu begegnen, kann eine verstörende Erfahrung sein, denn sie zielen auf das Absolute. Kunst bedeutete für ihn Tragik, Untergang und Erlösung. Jetzt feierte ihn eine Ausstellung in Den Haag.
von Andrea Teupke vom 08.03.2015
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Mark Rothko wurde 1903 in einer jüdischen Familie im heutigen Lettland geboren, er emigrierte mit ihr in die USA, zum Malen fand er spät (Foto: wikipedia/Consuelo Kanaga)
Mark Rothko wurde 1903 in einer jüdischen Familie im heutigen Lettland geboren, er emigrierte mit ihr in die USA, zum Malen fand er spät (Foto: wikipedia/Consuelo Kanaga)

Henk van Os, der ehemalige Leiter des Rijksmuseum in Amsterdam, gilt als nüchtern und bodenständig. Doch als der junge Kunsthistoriker und Mittelalterspezialist 1968 zufällig in einer Ausstellung in Basel auf ein Gemälde von Mark Rothko stößt, steht er wie »angenagelt«. Er »verlor sich in Licht und Farbe«, berichtet er später. Nie zuvor habe er so stark empfunden, was er in der Kunst suchte. Jetzt weiß er: Es geht darum, »aufzugehen in einer majestätischen Stille. Sich selbst zu entkommen in einem erhabenen Frieden«.

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»Stille«, »Frieden«: Wenn Menschen versuchen, die Wirkung von Mark Rothkos Bildern in Worte zu fassen, klingt das nicht selten wie ein Offenbarungserlebnis. Sie sprechen davon, zu verschmelzen und sich zu verlieren, von Erlösung und Einswerden. Genau das hatte der amerikanische Maler auch beabsichtigt. »Wenn Menschen vor meinen Bildern weinen, machen sie dieselbe religiöse Erfahrung wie ich beim Malen«, erklärte er 1956 in einem seiner raren Interviews.

Man meint, in eine leuchtende Tiefe zu schauen

Das Gemeente-Museum in Den Haag hatte Mark Rothko bis Anfang März eine umfassende Ausstellung gewidmet: Fünfzig Gemälde und zehn Arbeiten auf Papier lassen die hypnotische Wirkung der farbigen Kompositionen erleben. Dafür hat Franz-W. Kaiser, Kurator der Ausstellung, versucht, Rothkos Vorgaben zur Präsentation seiner Werke weitestgehend umzusetzen: Das Licht ist gedämpft. Die Wände sind nicht weiß, wie häufig in Museen, sondern grau, und die Bilder hängen tiefer. Besonders schön sind die sogenannten Kabinette, zimmergroße Nischen, in denen jeweils nur ein Bild hängt, was eine eigentümlich intime Begegnung ermöglicht – wie die Gemälde in den Mönchszellen, die Rothko auf einer Italienreise so nachhaltig beeindruckt hatten.

Auf Armeslänge, wie Rothko empfahl, darf man sich den empfindlichen – und heute unvorstellbar teuren – Bildern nicht mehr nähern. Doch auch so lässt sich empfinden, was ihm vorschwebte: Wenn die Leinwand das gesamte Gesichtsfeld ausfüllt, entsteht der Eindruck, von Farbe umhüllt zu sein, im Bild zu versinken.

Sobald das Auge sich an das Halbdunkel gewöhnt hat, treten die Kontraste umso stärker hervor; die Bilder scheinen förmlich zu glühen. Dazu trägt auch die Maltechnik bei: Schicht um Schicht sind übereinander gelegt, wie Schleier, hinter denen man Licht erahnt. Der Blick findet keinen Halt auf den verschwommenen Flächen; man meint, in eine leuchtende Tiefe zu schauen, in farbig pulsierende Räume.

Der Kurator Kaiser, der nach eigener Aussage immun ist gegenüber »Epiphanie-Erlebnissen«, schätzt Rothko wegen dessen Unbedingtheit, Ernsthaftigkeit, gleichsam romantischer Haltung. Für den sehr lesenswerten – leider nicht auf Deutsch vorliegenden – Katalog hat Kaiser einen Aufsatz »Über das Göttliche in der Kunst« verfasst, in dem er Rothkos Selbstverständnis beschreibt: »Er betrachtete das Malen als eine Art philosophischen Denkens.«

Rothko: »Die einzige wichtige Sache ist der Tod«

Tatsächlich hat sich Rothko intensiv mit Philosophie und Psychologie beschäftigt. Er las Nietzsche, Freud und vermutlich auch C. G. Jung, hat Theater gespielt und relativ spät erst beschlossen, überhaupt Maler zu werden. Die gegenständliche Malerei war für ihn eine Sackgasse – es gab nichts, das er »abbilden« wollte. Der abstrakten Malerei, die in Europa entstanden war, misstraute er jedoch auch, da er sie für kalt, rational und im schlimmsten Fall für »bedeutungslose Dekoration« hielt.

Rothkos malerische Entwicklung lässt sich in der schlüssig aufgebauten Ausstellung im Gemeente-Museum gut nachvollziehen: Von den frühesten, noch gegenständlichen Straßenszenen über die traumhaft-verrätselten surrealistischen Kompositionen lösen sich die Formen immer mehr auf, bis am Ende jene klaren, streng symmetrischen Farbflächen stehen, die Rothkos Bilder so unverwechselbar machen.

»Abstrakter Expressionismus« wurde sein Stil genannt. Doch tatsächlich hasste er es, wenn man ihn als abstrakten Maler bezeichnete. Ihn interessierten keine »Beziehungen zwischen Farben oder Formen«, betonte er, sondern »menschliche Emotionen«. Kunst bedeutete für ihn Tragik, Ekstase, Untergang und Erlösung, zielte auf das Absolute, Universelle, Sublime.

Immer wieder soll Rothko gesagt haben: »The only serious thing is death; nothing else is to be taken serious.« (»Die einzige wichtige Sache ist der Tod; alles andere braucht man nicht ernst zu nehmen.«)

Auswanderung in die USA

Man kann darüber spekulieren, wie stark diese Weltsicht durch seine Kindheit geprägt wurde. 1903 wurde er als Marcus Rothkowitz in Dvinsk geboren, einer Stadt im damaligen Russland, heutigen Lettland. Die Juden lebten dort in ständiger Furcht vor Pogromen, es herrschten brutale Gewalt und Unterdrückung. Wer konnte, floh nach Westen; und als Mark Rothko sieben Jahre alt war, verließ sein Vater die Familie, um in die USA auszuwandern. Es dauerte drei Jahre, bis seine Frau und Kinder nachkommen konnten; kurz darauf starb er. Mark Rothko war zehn Jahre alt, Halbwaise, und gezwungen in einem fremden Land zu leben, in dem er nicht sein wollte und das ihm ablehnend begegnete.

Als Kind besucht Rothko jüdische Schulen, doch hat er sich später nicht als religiösen Juden gesehen. Im Gegenteil: In verschiedenen Anekdoten berichtete er davon, dass er der Religion seiner Kindheit den Rücken gekehrt habe. Wie Nietzsche oder auch James Frazer war er dagegen fasziniert vom Begriff des Mythos als einer lebendigen, nichtrationalen Wirklichkeit, die aller Religion zugrunde liegt.

Er sah sich selbst als »Mythos-Schöpfer«. Dabei haben seine Bilder keine »Botschaft«, die sich losgelöst von ihnen beschreiben ließe, sie stehen nicht »für etwas«: Es geht um die Begegnung zwischen Bild und Betrachter, diesen Moment der Kommunikation, den Akt des Schauens. Eine Kommunion. Reine Gegenwart.

»Schweigen ist so genau«, sagte er immer wieder, wenn er zu seinen Bildern befragt wurde. Und genau das empfand Henk van Os, als er in Basel auf eines dieser Bilder stieß: »Plötzlich war da ein Bild, das den Mumm hatte, Stille zu erzeugen. Ich empfand das als Erlösung.«

Der materielle Erfolg verstörte ihn

War Rothko ein Mystiker? Manche Betrachter erinnert sein Ringen um das Nichtsagbare an die paradoxen Äußerungen etwa eines Johannes vom Kreuz. Henk van Os hatte das Glück, Rothko kurz vor dessen Tod noch kennenzulernen. In einem Interview, das für den Ausstellungs-Katalog geführt wurde, berichtet er, dass Rothko gerne und häufig Meister Eckart zitierte. Bei ihren Treffen sprach der Maler von einer Treppe, die »emporführt und auf deren oberster Stufe man sich ins Universum auflösen würde«. Doch auf dem Weg dorthin »musst du Hülle um Hülle abstreifen.«

Die letzten Lebensjahre Rothkos verliefen unglücklich. Endlich, nach vielen Jahren in Armut, verdiente er mit seiner Kunst Geld. Doch der materielle Erfolg verstörte ihn mehr, als dass er ihn genießen konnte. Zudem war er schwer krank, durfte deswegen eigentlich nicht mehr malen, seine Ehe ging in die Brüche – und er fühlte sich an den Rand gedrängt. Der rasche Aufstieg der Pop Art hat ihn entsetzt. Er empfand ihre Werke als albern, frech und mutwillig, sie standen für alles, was er verabscheute: Kommerz, Oberflächlichkeit, Beliebigkeit, Dilettantismus. Schließlich überwältigte ihn die Depression, mit der er zeitlebens zu kämpfen hatte.

Henk van Os hat Rothko regelmäßig besucht – bis zu dem Tag im Februar 1970, an dem er die Nachricht erhielt, Rothko habe sich in seinem Atelier das Leben genommen. Er hatte »die letzte Hülle abgestreift«.

Vor seinem Tod hatte Rothko, der fast nur noch in dunkelsten Farben malte, ein letztes Werk begonnen, das jetzt in Den Haag hängt: Ein glühendes Fanal in blendendem, strahlendstem, vibrierendem Rot.

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