»Wir Alten werden zu Müll erklärt«
Publik-Forum: Herr Gronemeyer, wie alt fühlen Sie sich?
Reimer Gronemeyer: Als ich heute Morgen aufgestanden bin, hab ich mich so alt gefühlt, wie ich bin, nämlich 75. Aber jetzt gerade finde ich mich eher in den frühen 60er-Jahren wieder. Das gefühlte Alter schwankt.
Und wenn Sie in den Spiegel schauen?
Gronemeyer: Dann sind meine Falten mir meistens voraus. Ich fühle mich jünger, als ich aussehe. Es gibt Tage, an denen man voller Leidenschaft und Lebenskraft ist – und Tage, in denen die Traurigkeit und die Melancholie stärker sind.
Stimmungsschwankungen sind kein Privileg des Alters.
Gronemeyer: Aber das Bewusstsein für die Befristetheit des Lebens ist mit zwanzig noch nicht so ausgeprägt. Im Alter weiß man, wie kostbar der Augenblick ist. Ich hab vorhin ein Musikstück gehört, den Schluss aus der »Kunst der Fuge« von Bach, das hat mich ganz tief ergriffen. Ich bin jetzt im hohen Alter für Musikstücke, für Bilder, für Naturerlebnisse tiefer empfindsam als früher.
Sind Sie stolz auf die Falten in Ihrem Gesicht?
Gronemeyer: Nein, überhaupt nicht. Das wäre eine große Torheit. Es gibt Dinge, die sich in meinem Gesicht abzeichnen: Glück, Unglück, Schuld, Leidenschaft, Verrat. Aber es gibt keinen Grund, darauf stolz zu sein. Dass unser Gesicht die Geschichte unseres Lebens mitteilt, ist schön und schrecklich zugleich. Ich hab kürzlich mit einem älteren Herrn in einer Talkshow gesessen, der hatte sich die Falten wegmachen lassen. Da hab ich gedacht: Man kann sich so die Demenz auch ins Gesicht operieren.
In Ihrem neuen Buch schreiben Sie: »Altwerden ist das Dümmste, was einem passieren kann.« Warum?
Gronemeyer: Weil es Abschiednehmen heißt. Gerade in unserer Zeit, in der der Jugendkult im Zentrum steht, zeigt einem jeder Besuch am Zeitungskiosk oder jeder Gang durch die Straße, dass man zu den Ausgesonderten gehört. Zu denen, die nicht mehr richtig zählen. Zu den Nichtsnutzen der Leistungsgesellschaft.
Schon in der Antike gab es die Verehrung junger, sportlicher Körper. War es da wirklich leichter, den Verfall des Körpers zu ertragen?
Gronemeyer: Nicht leichter. Aber die Menschen waren in einer anderen Lage. Wir befinden uns heute in einer radikalisierten Leistungsgesellschaft. Die Antike mit ihrer Leidenschaft für die Schönheit des Körpers und der Jugend, die war doch anders, weil daneben die Weisheit und Erfahrung des Alters eine große Rolle spielte. Das war ausgewogen: Die Schönheit der Jugend und die Weisheit des Alters. Während wir Alte in der beschleunigten Leistungsgesellschaft immer am Rande des Nichts stehen, weil die Jungen wirklich alles besser können. Noch nie hat eine Gesellschaft die Erfahrung der Alten so zu Müll erklärt.
Die »neuen Alten«, die »Golden Ager« – also die hyperaktiven Senioren von heute –, scheinen ihr Alter einfach wegzuwandern. Mit Nordic-Walking-Sticks.
Gronemeyer: Dieses ständige Herumreisen der Alten auf Schiffen und Bussen und Wanderwegen hat vielleicht auch damit zu tun, dass man zu Hause nichts mehr findet, was wichtig wäre. Ich will niemandem die wohlverdiente Reise nach der Pensionierung miesmachen. Die Frage ist, ob der Alterstourismus nicht eigentlich darauf verweist, dass wir keine sozialen Zusammenhänge mehr haben, in denen wir alt sein können.
Noch nie waren alte Leute so gut versorgt. Trotzdem wächst unter ihnen die Zahl der Alkoholiker, Tablettensüchtigen und Depressiven. Warum ist das so?
Gronemeyer: Alter spielt sich ab in einer Art kultureller Wüste. Jeder zweite über 85-Jährige in Deutschland lebt allein: Das erklärt ein Stück weit den Tablettenkonsum, den Alkoholismus, die Suizidraten. Noch nie hat ja so etwas Absurdes stattgefunden, dass eine Gesellschaft, die so reich ist wie unsere, ihre Alten gleichzeitig so isoliert und in eine Vereinzelungsexistenz rutschen lässt.
Warum spricht kaum jemand über die Schrecken des Alters?
Gronemeyer: Medien und die Politik werden bestimmt von Fünfzigjährigen. Die wollen dem Alter nicht ins Auge sehen. Sonst müssten sie sich sagen: Ich werde auch allein sein, wenn ich mir nicht rechtzeitig etwas einfallen lasse, ein neues Modell des Zusammenlebens. Vielleicht sprechen die darüber bei sich im Badezimmer, aber es ist noch nicht so an die Oberfläche gedrungen, wie es nötig wäre. Wenn die Babyboomer alt sind, wird die Vergreisung Deutschlands auf ihren Höhepunkt zurasen. Diese Generation wird sicher sagen: Ins Altersheim, ins Pflegeheim? Unter gar keinen Umständen! Aber sie machen noch keine Anstalten, darüber nachzudenken.
Schon heute suchen ältere Menschen nach neuen Modellen, zum Beispiel in Senioren-WGs. Ist das der Ausweg?
Gronemeyer: Manche mögen versuchen, so ein neues Lebensmodell noch rechtzeitig hinzubekommen. Dem stehen aber zunächst unsere Wohnformen im Wege: Wir haben diese Republik mit Einfamilienweiden überzogen. Die sind baulich völlig ungeeignet für jede Form von Gemeinschaftlichkeit. Zum anderen haben wir über die letzten vierzig Jahre ein Single-Dasein geübt, aus dem man nicht so einfach wieder rauskommt. Wir haben Gemeinschaftlichkeit verlernt. Gemeinschaftlich leben heißt auch, auf etwas von seiner Egomanie zu verzichten. Das ist ein schwieriger Schritt, der künftigen Generationen bevorsteht.
In der Großstadt, in der ich lebe, langweilen sich viele Alte hinter ihren Fensterscheiben zu Tode. Manchmal frage ich mich, warum mich noch nie eine Oma aus der Nachbarschaft angesprochen hat, ob sie mir gelegentlich eins meiner Kinder abnehmen darf.
Gronemeyer: Die städtischen Wohngebiete fordern nicht mehr zur Nachbarschaftlichkeit heraus. Aber ich glaube, die Sehnsucht danach, dass man das Wort an den anderen richtet, ist eigentlich da. Der Schritt für die Oma wäre nicht so groß. Wir haben es nur verlernt. Diese Isolierung muss durchbrochen werden.
Was ist Ihre Vision von einem erfüllten Alter?
Gronemeyer: Es geht immer um Befreiung. Was ist die Freiheit des Alters? Was brauche ich? Was nicht? Ich weiß, dass ich Menschen brauche. Ich weiß, dass ich soziale Wärme brauche. Aber das konsumistische Alter, das im Mehr-Mehr-Mehr seine Erfüllung sucht, das ist der falsche Dampfer. Es geht darum, sich zu fragen: Wo kann ich den Weg zu einer Vertiefung finden? Wo kann ich ausbrechen aus der konsumistischen Verblödung? Wie wird es mir möglich, auch im Alter ein leidenschaftlicher, ein gefühlvoller, ein sehnsuchtsvoller Mensch zu sein?
Hat man es selbst in der Hand, ob man würdig, fröhlich, aktiv oder resigniert altert?
Gronemeyer: Das hängt davon ab, ob man bereit ist nachzudenken: Wie lebe ich? Worauf richte ich meine Sinne? Worauf hoffe ich? Hoffe ich auf den nächsten Einkaufsbummel oder auf die nächste mich vom Leben ablenkende Unternehmung? Oder ist es mir möglich, innezuhalten und zu schauen: Was ist in diesem Augenblick möglich an Glückserfahrung? Auch die Frage nach der Liebe ist wichtig: Wer liebt mich? Wen kann ich lieben? Wer bestimmt über meine Zeit? Wem kann ich etwas beibringen? Von wem kann ich etwas lernen? Diese Fragen, die uns durch konsumierende Geschäftigkeit abgewöhnt werden sollen, werden im Alter ganz bedeutungsvoll.
Sie schreiben jedes Jahr ein dickes Buch. Ist das Ihre persönliche Antwort auf das drohende Nichts?
Gronemeyer: Jeder versucht ja auf seine Weise, in seinem Leben ein Stück Meisterschaft zu erreichen. Mein Metier ist das Schreiben. Für andere mag es der Garten sein, oder die Enkel. Ich persönlich habe mich mein ganzes Leben mit dem Versuch abgemüht, die Dinge, die mich bewegen, in Worte zu fassen. Das lässt mich verzweifeln und macht mich glücklich.
