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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2015
Kann Religion Frieden?
Was die Macht des Terrors bricht
Der Inhalt:

»Im Alter werde ich erst ich selbst«

von Irmtraud Tarr vom 13.03.2015
Der Luxus der Freiheit gibt den Alten die Chance, frecher, pfiffiger und unkonventioneller zu sein

Meine Botschaft heißt ganz schlicht: Es ist schön, älter zu werden. Nur schade, dass dabei der Körper in die Binsen geht und wir deshalb hilfsbedürftiger werden, als es uns lieb ist.

Älterwerden ist prädestiniert dafür, an das Wesentliche heranzukommen. Jetzt kann ich mir endlich erlauben, ich selbst zu sein, »eigen« zu sein. Selbst Skeptiker geben zu, dass viele Alte im Denken frecher, pfiffiger und im Handeln unkonventioneller sind als viele angepasste, karrierebewusste Junge. Vor allem haben wir im Alter mehr Zeit – und die Freiheit, sie zu nutzen. Ein Luxus, von dem wir früher nur träumen konnten. Älterwerden heißt, sich frei machen von Zwängen, sich erlauben, selbstbestimmt zu sein. Mehr noch: sich selbst zu lieben, die eigenen Freunde und überhaupt dieses spannende, furchtbare, herrliche, verrückte Leben. Gern denke ich an eine Achtzigjährige, die im Alter noch Spanisch lernen wollte und den Bedenken ihrer Enkelkinder entgegnete: »Das möchte ich selbst beurteilen!«

Eigensein verändert. Man wird klarer, prägnanter und gewinnt eigene Konturen – sein eigenes Gesicht. Das hängt auch mit biologischen Prozessen zusammen: Der Körperschwerpunkt sinkt nach unten ins Becken. Wir ruhen mehr unten in der »Küche des Seins«, wo es brodelt, gärt, verdaut und köchelt, als im Obergeschoss des Handelns. Man gewinnt an Tiefe, füllt sich mit sich selbst aus, denkt differenzierter und lacht präziser. Niemand nimmt einen mehr an die Hand, und die Hoffnung, dass es jemanden gibt, der »es schon richten wird«, schrumpft. Man wird selbst zum Wegweiser und gleichzeitig wieder ein wenig zum Kind.

Wenn wir älter werden, schmälert sich das Bauen auf die Zukunft, aber dafür gewinnt die Gegenwart an Präsenz und Bedeutung. Diese herrlichen kleinen Sündenfälle – die weinselige Runde auf dem Balkon, die luxuriöse Langeweile werktags, wenn die anderen schuften. Nackt baden im See. Barfuß tanzen. Lauter kleine Leuchtfeuer der Bewegungsfreiheit, der Subversion, die sagen: Ich bin es mir wert!

Weise altern heißt: stimmig sein. Nicht tun müssen, was man nicht tun will. Sich von innen nach außen kehren, statt sich von außen bestimmen lassen. Mit den Pfunden wuchern, die man hat. Weder stehen bleiben noch sich beliebig verändern, sondern etwas aus dem machen, was sich nicht ändern lässt.

Weisheit – wissen, was zählt – ist eine Gabe, die man

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