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Was hilft gegen Wut?

von Michael Schrom 11.02.2019
Der deutsche Film »Systemsprenger« von Nora Fingscheidt beeindruckt bei der Berlinale. Es geht um ein neunjähriges, Mädchen, das immer wieder ausrastet. Wie ist ihr zu helfen? Eine »Systemsprengerin« ist auch die Hauptfigur im mazedonischen Film »Gott existiert, ihr Name ist Petrunija«
Berlin und die Kunst: Das Logo der Berlinale spiegelt sich in einem Wasserlauf auf dem Potsdamer Platz. (Foto: pa/Fischer)
Berlin und die Kunst: Das Logo der Berlinale spiegelt sich in einem Wasserlauf auf dem Potsdamer Platz. (Foto: pa/Fischer)

»Hast Du schon Systemsprenger gesehen?« Diese Frage hört man derzeit überall in Berlin. Beim Fachsimpeln der Journalistinnen, beim Small Talk auf Empfängen und bei den Wartenden vor den Kassenhäuschen, die angesichts der Riesenauswahl mit Fremden darüber diskutieren, was sich denn beim sogenannten »Publikumsonntag« am meisten lohne.

»Systemsprenger« von Nora Fingscheidt, der erste deutsche Beitrag auf der Berlinale, ist die Überraschung im Wettbewerb. Oder wenn man es etwas pathetischer mit der FAZ formulieren will: ein »Wunder«. Und das, obwohl der Film dem Zuschauer emotional alles abverlangt. Es geht um ein körperlich zartes neunjähriges Mädchen, das bisweilen besinnungslos vor Wut ist – und sich dermaßen aggressiv verhält, dass das Netz von politisch-sozialen Hilfsangeboten gesprengt wird. Niemand hält es mit ihr länger aus. Zeitgleich erkennt man ihre Hilfsbedürftigkeit, ihre Verlassenheit und ihre Verzweiflung und hofft instinktiv, dass ein »Übermaß« an Liebe und Zuneigung vielleicht doch noch die traumatischen Erfahrungen heilen könnte, die sie in ihrer Familie gemacht haben muss. Helena Zengel spielt die Rolle der Bernadette, die nur »Benni« genannt werden will, mit einer solchen Intensität, dass sie als heiße Favoritin für die beste weibliche Hauptdarstellerin gehandelt wird.

Was gibt Halt im Leben?

Aber nicht nur die schauspielerische Leistung und der kongeniale Soundtrack überzeugen – auch das Drehbuch und die Regie von Nora Fingscheidt sind bestechend. Es gibt keine einfache Lösung. Einerseits braucht die völlig haltlose Benni feste Bezugspersonen und emotionalen Halt, den ihr die überforderte Mutter und deren wechselnde Partner nicht geben können, weil sie dazu emotional nicht in der Lage sind – auch wenn sich das Mädchen nichts sehnlicher wünscht, als zu ihrer Mutter zurückzukehren. Andererseits kann eine Jugendhilfebetreuung eine dermaßen intensive Einzelbetreuung – zumindest unter diesen Bedingungen – nicht leisten. Sie ist dazu systemisch nicht in der Lage. Schließlich versucht es ihr Schulbegleiter mit einer alternativen Therapie. Er verbringt mit ihr drei Wochen in einer einsamen Waldhütte, und es gelingt ihm tatsächlich, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Nur: Auch er hat ein Privatleben, auch er hat eine eigene Familie mit zwei Säuglingen. Und je mehr Benni versucht, in diesen Nahbereich einzudringen, desto mehr sprengt sie auch dessen »System«. Sie kuschelt sich an ihn und schreit ihm bei der kleinsten Zurückweisung entgegen: »Wenn ich deine Kinder umbringen, wäre ich dein einziges Kind und du würdest mich alleine lieben«.

Selten hat ein Film das kindliche Gefühl einer existenziellen Verlorenheit so bedrückend in Bilder gefasst. Und die Generation der Erwachsenen so zur Gewissenserforschung genötigt: Was gibt Halt? Was kann und muss man investieren, um solche extremen Zustände, solch eine emotionale Verwahrlosung möglichst gar nicht erst zuzulassen?

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Die Kreuztaucherin und die Kirche

Ein »Systemsprengerin« der ganz anderen Art ist die Petrunija (Zorica Nusheva), die Hauptfigur in dem mazedonischen Spielfilm »Gospod postoi, imeto i`e Petrunija« (God exists, her name is Petrunija) von Teona Mitevska. Die orthodoxe Kirche kennt den Brauch, am Dreikönigstag ein Kreuz in die Fluten eines eiskalten Gewässers zu werfen, das dann von mutigen Männern »gerettet« wird. Wer mit dem Kreuz wieder auftaucht, gilt im Ort nicht nur als Held, sondern hat im nächsten Jahr viel Glück. So heißt es zumindest.

Als die unglückliche, arbeitslose Petrunija nach einem gescheiterten und erniedrigenden Vorstellungsgespräch zufällig an der Zeremonie vorbeikommt, springt sie in den Fluss und taucht tatsächlich mit dem Kreuz wieder auf. Dass eine Frau das Kreuz ertaucht und behält, empfinden die muskelgestählten »Kreuztaucher« als Angriff auf ihre Männlichkeit. Der Klerus empfindet den Traditionsbruch irgendwie als blasphemisch, weiß aber nicht, wie er das theologisch begründen soll – außer mit dem hilflosen Argument, dass es eben »immer nur Männer« waren, die ins Eiswasser sprangen. Die Lokalreporterin wittert die Story ihres Lebens. Und weil die öffentliche Ordnung und die Ruhe in dem kleinen Dorf nachhaltig gestört sind, greift die Polizei ein und bringt Petrunija aufs Revier, wo man sie ohne Rechtsgrundlage stundenlang festhält. In diesen Räumen spielt dann auch der Großteil des Filmes.

Religion ist zur Brauchtumspflege degeneriert

Der Regisseurin Teona Mitevska gelingt es, das Polizeirevier wie einen Minikosmos der politisch-religiösen Verhältnisse auf dem Balkan zu inszenieren. Da kungelt der Polizeipräsident mit dem Popen. Beide verkennen dabei, dass die eigentliche Macht schon längst von den nationalistischen Horden auf den Straßen ausgeht. Diese sind keineswegs fromm, vielmehr ist es ein wütender Mob, dem der Bruch mit »heilige Traditionen« gerade recht kommt, ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Zu allem Überfluss kommt eine ineffektive Justiz dazu. Religion ist zu Magie und Brauchtumspflege degeneriert. Bürokratie gibt es im Übermaß. Dafür fehlt eine Zivilgesellschaft, die nötig wäre, um das Land zu modernisieren. Kein Wunder, dass Petrunija, eine diplomierte Historikerin, die sich für den Übergang vom Kommunismus zur Demokratie interessiert, keinen Platz in dieser Gesellschaft hat. Interessant sind auch die vielen religiösen Anspielungen: Petrunija muss gewissermaßen einen Kreuzweg durchstehen, damit einer erstarrten Gesellschaft allmählich aufgeht, dass das Kreuz kein Talisman ist und zumindest den Nachdenklichen allmählich dämmert, wofür es eigentlich steht beziehungsweise stehen sollte. Das rechtfertigt auch den wunderbar ironisch-doppelsinnigen Titel: »Gott existiert, ihr Name ist Petrunija«

Das Schöne an Mitevskas Film ist, dass er bei aller Kritik an den bestehenden Verhältnissen, die Hoffnung auf Veränderung nicht aufgibt. Auch vermeintlich ewige Systeme können gesprengt werden, auch wenn es dazu übermenschliche Kraft braucht, oder eben einen Gott in Gestalt von Petrunija.

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