»Der Tod ist ein Mörder«
Publik-Forum: Herr Grill, was fasziniert Sie am Tod?
Bartholomäus Grill: Ohne das Schicksal meines Bruders Urban hätte ich mich sicher nie so mit dem Tod auseinandergesetzt. Er bekam mit 46 Jahren ein Mundbodenkarzinom. Das ist so ziemlich der fürchterlichste Krebs, den man sich vorstellen kann. Zunächst verliert man den Geschmackssinn, dann die Stimme und schließlich die Atmung. Nachdem mein Bruder alle Torturen der Schulmedizin durchlitten hatte, beschloss er, nach Zürich zu fahren, zu Dignitas, einer Organisation für Sterbehilfe. Und er bat mich, ihn zu begleiten und seine Geschichte aufzuschreiben, um anderen Menschen in ähnlicher Notlage einen Ausweg anzubieten.
Für die Geschichte vom Tod Ihres Bruders haben Sie den Kisch-Preis bekommen.
Grill: Und Hunderte von Leserbriefen – die meisten davon Hilferufe. Ich fühlte mich völlig überfordert, die Menschen zu beraten, und habe mich aus dem Thema zurückgezogen. Ich wollte meine Wunden nicht immer wieder aufreißen.
Trotzdem legen Sie jetzt, zehn Jahre später, ein Buch vor: »Um uns die Toten«. Sie schreiben darin nicht als entfernter Beobachter, sondern die Geschichten haben immer etwas mit Ihnen selbst zu tun. Als Afrika-Korrespondent ist der Tod Ihr täglicher Begleiter.
Grill: In den Naturreligionen Afrikas gibt es ganz erstaunliche Rituale. Ich habe Beerdigungsrituale erlebt, da ist der Tod ein Fest fürs Leben. Denn die Toten kommen nach der Vorstellung dieser Religionen nicht ins Jenseits, sie leben weiter in einem Zwischenreich. Die Ahnen regieren in den Alltag der Lebenden hinein – deswegen muss man sich mit ihnen gut stellen. Diese Nähe der Ahnen erzeugt ein ganz anderes, sehr lebendiges und festliches Verhältnis zum Tod.
Wenn man bei uns auf eine Beerdigung geht, ist Trübsal Pflicht.
Grill: In Afrika wird das Leben des Toten nachgespielt. Es gibt ekstatische Tänze mit Schlangenmasken, die begleiten die Seele hinüber ins Reich der Ahnen. Da kann man als Mitteleuropäer neidisch werden. Die Sarg-Designer aus Ghana sind Künstler: Sie stellen Särge her, welche die Berufe der Toten darstellen. Ein Lastwagenfahrer wird in einem hölzernen Lkw beerdigt, ein Arzt in einer Spritze. Für 800 Dollar hätte ich meinen Sarg in Form einer Schreibfeder bestellen können. Diese humorvolle, ironisierende Herangehensweise an den Tod gefällt mir.
Die mörderischen Kriege in Afrika sind aber überhaupt nicht lustig.
Grill: Zum Völkermord in Ruanda sagte der damalige Präsident François Mitterand: »Ein Genozid in Afrika ist nicht so schlimm.« In manchen Gedenkstätten sind die Leichen mit Kalk präpariert worden – sie liegen da in der Stellung ihres Todes, mit schreckverzerrten Gesichtern. Kinder mit abgeschlagenen Köpfen.
Wie halten Sie das Grauen aus?
Grill: Das sind Begegnungen mit dem Tod, die man versucht, von sich fernzuhalten. Man tut automatisch seinen Job, lässt das nicht so an sich heran. Ein Chirurg denkt bei einer Operation auch nicht über den Menschen nach, an dem er herumschneidet; er macht sein Handwerk. Aber natürlich wird man von solchen Bildern manchmal verfolgt. Da ist der Tod ein Mörder.
Sie sind in Bayern aufgewachsen. In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass der Tod in Ihrem Leben von Anfang an sehr präsent war.
Grill: Der Tag begann mit dem Wecklied der Großmutter, bei dem es darum ging, dass man bald stirbt. Als Nächstes fiel der Blick auf das Versehbesteck – das sind die Utensilien, die man für die letzte Ölung braucht. Das Versehbesteck bekam eine gute katholische Frau dort zur Hochzeit und stand dann immer einsatzbereit in ihrem Schlafzimmer. Im alpenländischen Katholizismus bereitet man sich das ganze Leben auf den Tod vor. Mein Theologiestudium brach ich ab, als ich merkte, dass es auch ein Leben vor dem Tod gibt.
Wie wäre es, wenn wir nicht sterben würden?
Grill: In »Gullivers Reisen« berichtet Jonathan Swift von einer Insel mit seltsamen Wesen, die unsterblich sind, aber immer weiter altern. Die Vorstellung, dass die letzten hundert Generationen noch unter uns wären, finde ich ziemlich gruselig.
Der Tod ist jedem gewiss – aber aus unserem Alltag fast verschwunden.
Grill: Der Tod ist privatisiert. Wenn eine Witwe heute in einer deutschen Großstadt ein Jahr in Schwarz herumlaufen würde, wie die Angehörigen es früher taten, würde man sie für verrückt erklären. Die Beerdigungen werden kleiner und kleiner. In Todesanzeigen ist zu lesen, dass man von Trauerbezeugungen Abstand nehmen möge. Man ist dabei, die Trauer zu pathologisieren: In den USA kann man sich psychologisch behandeln lassen, wenn man zwei Wochen nach einem Todesfall noch immer trauert.
Viele beklagen, dass die Hochleistungsmedizin das Thema Sterben und Tod übernommen habe.
Grill: Acht von zehn Deutschen sterben nicht im eigenen Bett, sondern in Altersheimen, Hospizen oder Krankenhäusern. Sie sind umgeben von Technokraten und medizinischen Gerätschaften, die angeblich das Leben verlängern. In Wirklichkeit verlängern sie nur das Sterben. Vermutlich noch mehr als den Tod fürchten wir diese Phase, in der wir unserer Autonomie beraubt werden. Und dieser Zustand wird immer weiter verlängert, ohne dass wir ihm entkommen können.
Ihr Bruder wollte sein Sterben abkürzen.
Grill: Zur Geschichte meines Bruders äußere ich mich nicht mehr. Aber ich hatte zu dem Thema Sterbehilfe ein langes Streitgespräch mit Robert Spaemann, das ist ein führender katholischer Moraltheologe in Deutschland. Wir konnten natürlich nicht zueinanderfinden, denn für Spaemann ist der Freitod eine Todsünde. Er meinte, wenn bei uns eine Sterbehilfe nach holländischem Muster käme, dann hätten wir ein Euthanasieprogramm wie bei den Nationalsozialisten. Das halte ich für vollkommen absurd.
»Mein Tod gehört mir«, forderte der einstige MDR-Intendant Udo Reiter. Der SPD-Politiker Franz Müntefering widersprach vehement. Dürfen wir unser Leben verschrotten, wenn es schwierig wird?
Grill: Mein Bruder sagte: Tieren gibt man den Gnadenschuss, warum haben wir keinen Anspruch darauf? In Deutschland ist assistierter Suizid verboten. Man darf einen Strick reichen, aber man muss anschließend sofort einschreiten, sonst wird man wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt. Eine vollkommen widersprüchliche Rechtslage.
Wenn aktive Sterbehilfe erlaubt wäre, könnte man in unserer Gesellschaft, die ja so aufs Funktionieren fixiert ist, versucht sein, Kranke und Sieche möglichst schnell zum Freitod zu überreden.
Grill: Das ist ein Feld voller Ambivalenzen. Die Ökonomisierung der Sterbehilfe wäre verheerend. Es gibt ja nicht nur wohlmeinende Angehörige, sondern auch übelwollende: »Wann stirbt der Opa endlich? Wir wollen das Erbe aufteilen.« Wann wer entscheidet – das ist eine sehr schwierige Diskussion. Insbesondere in unserer zunehmend vergreisenden Gesellschaft.
Sie sprachen vorhin vom Tod als Mörder. Wenn schwerkranke Menschen im Bett friedlich entschlafen – ist der Tod dann nicht eher ein Erlöser?
Grill: Ich habe den Tod hauptsächlich als Mörder erlebt. Nicht nur im Krieg und bei verhungernden Kindern. Ich hatte dieses Gefühl auch, als meine Mutter starb. Plötzlich ist die Mutter entrissen, man ist mutterseelenallein. Auf Kirchentagen wird oft von lebenssattem Sterben gesprochen. Wenn das Theologen vom Typus Margot Käßmann sagen, habe ich das Bedürfnis, sie an ihrem violetten Schal zu packen und zu würgen. Was soll das sein, lebenssattes Sterben? Der Tod ist der absolute Antipode des Lebens.
Fürchten Sie Ihren Tod? Und wie bereiten Sie sich auf ihn vor?
Grill: Die Furcht vor dem Tod wohnt uns Menschen inne. Wenn man auf einer großen Brücke steht und dieses innerliche Grausen spürt, man könnte runterfallen – das ist so eine Äußerung von Todesfurcht. Es gibt in der europäischen Philosophie zwei Extrempositionen. Die eine wird vertreten von der Stoa bis hin zu Seneca: Denke in jeder Sekunde an den Tod, dann überwindest du die Furcht vor ihm. Die andere kommt aus dem Humanismus: Ein freier Mensch denkt an nichts weniger als an den Tod. Zwischen diesen beiden Punkten oszillieren wir, je nach Lebensumstand.
Würden Sie lieber plötzlich von einem Dachziegel erschlagen werden oder ganz bewusst sterben?
Grill: Vielleicht wie mein Großvater: Der fiel beim Tanzen auf einer Hochzeit einfach um. Er drehte sich sozusagen hinein in den Tod.
