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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2017
Im Herzen die Freiheit
Iran: Reise in ein Land der Widersprüche
Der Inhalt:

Aufgefallen: Der Herr der Bücher

Der kolumbianische Müllmann José Alberto Gutiérrez fand im Abfall einen Roman von Tolstoi. Und begründete damit eine Bibliothek für Arme

Als José Alberto ein kleiner Junge war, las ihm seine Mutter jeden Abend aus Kinderbüchern vor, manchmal auch aus der Bibel. Der Junge aus dem Arbeiterviertel La Nueva Gloria besuchte nur eine Grundschule, für mehr Bildung hatte seine Familie kein Geld. Aber durch die Gutenachtgeschichten sind ihm Bücher so wichtig geworden, dass er noch heute, mit 54 Jahren, voll Übereinstimmung den Schriftsteller Jorge Luis Borges zitiert: »Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.«

Nach der Grundschule ging José Alberto Gutiérrez zur Müllabfuhr, etwas anderes fand er in Bogotá nicht. Er sitzt nun täglich am Steuer eines großen Lasters und sammelt den Abfall der kolumbianischen Hauptstadt ein. Vor zwanzig Jahren machte er dabei die Entdeckung seines Lebens: Im Altpapier am Straßenrand lag eine vergilbte Taschenbuchausgabe von Leo Tolstois Roman »Anna Karenina«.

Der Bücherfreund nahm den Fund mit nach Hause und bewahrte ihn wie einen Schatz: »Die Leute werfen tatsächlich Weltliteratur in den Müll«, erkannte er. Danach hielt er bewusst die Augen auf und fand im Abfall der Reichen weitere Kostbarkeiten: Den Roman »Hundert Jahre Einsamkeit« von Gabriel García Márquez zum Beispiel, »Das Parfum« von Patrick Süßkind, einen Band der »Encyclopedia Britannica« und eine arabisch-englische Koran-Ausgabe.

Inzwischen hat der Müllmann mit der Denkerstirn mehr als 20 000 Bände in seinem Haus gesammelt. Jeden Samstag öffnet er die Sammlung für die Kinder seines Viertels, damit auch sie einen Zugang zur Literatur bekommen. »Este libro es libre« wird hier in alle Bücher gestempelt: Dieses Buch ist frei. »Meine Bibliothek ist wohl die einzige, die Bücher nicht nur verleiht, sondern au