Was tun gegen neuen Antisemitismus?
Publik-Forum.de: Herr Brumlik, Antisemitismus war in Deutschland lange rückläufig. Jetzt erleben wir eine neue Welle, wie es scheint. Brauchen es einen Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung?
Micha Brumlik: Ich glaube, wir brauchen das. Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte ist es sehr nötig, dass dieses Thema, das derzeit die deutsche Öffentlichkeit sehr umtreibt, auch politisch verantwortlich behandelt wird. Ja, vor allem deshalb brauchen wir einen solchen Beauftragten.
Verändert sich durch die neuen Bürger aus arabischen Ländern, die als Flüchtlinge seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, die Situation? Wird die Lage bedrohlicher für Jüdinnen und Juden in Deutschland?
Brumlik: Tatsache ist, dass zahlreiche Jüdinnen und Juden sich bedroht fühlen. Ob und wie realistisch das ist, ist eine andere Frage. Wir wissen aus verschiedenen Untersuchungen, dass etwa 40 Prozent der Befragten so etwas wie einen Israel-bezogenen Antisemitismus zu Protokoll geben. Vor diesem Hintergrund dürfte es keinen besonders großen Unterschied ausmachen, ob da noch der eine oder der andere oder auch größere Gruppen von Flüchtlingen, die aus arabischen Ländern kommen und dort mit antisemitischem Antizionismus konfrontiert wurden und den auch aufgenommen haben, diesen hierzulande an den Tag legen.
Was bedeutet Israel-bezogener Antisemitismus genau? Umfragen ergeben seit Jahren, dass in Deutschland wie auch in den westeuropäischen Ländern zehn bis zwanzig Prozent der Befragten ein rechtsextremes Weltbild haben. Vierzig Prozent erscheint mir als sehr, sehr viel.
Brumlik: Vierzig Prozent ist tatsächlich sehr viel. Deshalb differenziere ich und sage: Israel-bezogener Antisemitismus. Flapsig formuliert: Opas Antisemitismus, also der Hass gegen die Juden, dass sie die Welt beherrschten, das Finanzkapital repräsentieren oder Wucherer und Feinde des Abendlandes seien, den gibt es so in der politischen Arena kaum noch. Wer sich heute antisemitisch einbringen will, wird das vor allem durch so genannte Israelkritik tun. Was umgekehrt auf keinen Fall bedeuten kann, dass jeder, der die Politik israelischer Regierungen kritisiert, deswegen ein Antisemit ist.
Wo beginnt Israel-bezogener Antisemitismus? Etwa wenn Kritik an der Regierung oder ihrer Besatzungspolitik auf die »Juden« ausgeweitet wird?
Brumlik: Es wird dort antisemitisch, wo die israelische Besatzungspolitik gewissermaßen zur Ursache aller Übel der heutigen Zeit im Nahen und Mittleren Osten erklärt wird. Und damit unterstellt wird, dass – wenn sich da etwas ändert – das Elend in dieser Weltregion endet. Was absurd ist, wenn man sich ansieht, dass in den letzten fünf, sechs Jahren in Syrien zehn Mal so viele Menschen vertrieben wurden, geflüchtet sind oder umgebracht wurden wie in allen israelisch-palästinensischen Konflikten seit hundert Jahren.
Grassiert Antisemitismus unter Jugendlichen?
Brumlik: Unter Kindern und Jugendlichen ist dies auf Schulhöfen ein großes Problem. Aber der empörende Fall einer sich sogar als antirassistisch bezeichnenden Schule in Berlin-Friedenau, wo ein jüdisches Kind die Schule verlassen musste, weil es gemobbt wurde, ist nun gerade kein Beispiel für Judenhass muslimischer Flüchtling. Denn: Die Kinder, die dieses jüdische Kind gemobbt und gehänselt haben, waren durchweg immigrantische Aufsteiger – allerdings aus der Türkei und nicht aus Flüchtlingsgebieten.
Auf Schulhöfen ist das Schimpfwort »Du Jude« populär.
Brumlik: Ja, »Du schwule Sau« oder »Du Jude« – das sind die neuen Schimpfworte.
Was ist da pädagogisch angesagt?
Brumlik: Zunächst: In allen Schulen und Bildungsinstitutionen müssen Ombuds- und Vertrauenspersonen installiert werden, bei denen sich Kinder und Jugendliche, die sich gemobbt und gefährdet fühlen, melden können und dort unter dem Schutz des Vertrauens ihre Sorgen und Beschwernisse zu Protokoll geben können. Zweitens glaube ich, dass es in allen Bundesländern und auf allen Schulstufen sinnvoll ist, dass die Kinder mit den jeweiligen Festen und Inhalten der anderen Religion – zum Beispiel Chanukka, Weihnachten oder Zuckerfest – durch gemeinsame Feiern vertraut gemacht werden. Um zu sehen, dass die Kinder anderer Religionen keine Feinde, sondern Altersgenossen, die auch glauben – wenn auch auf andere Art und Weise.
Also nicht bloß kognitiv vermitteln, als Lehrstoff?
Brumlik: Wichtig ist das gemeinsam Begehen. Gemeinsame Erlebnisse erfahren.
In der Debatte über den umstrittenen Film »Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa«, den der WDR am 21. Juni sendete, wird der Wunsch laut, alle Schüler mit Migrationshindergrund sollten Auschwitz oder andere KZs besuchen.
Brumlik: Genau so wenige oder genau so viele, wie dies bei deutsch-deutschen Schülerinnen und Schülern sein sollten. Vor allem: Das kann kein Programm für jüngere Schüler sein. Zunächst ist es wichtig, die Fakten im zeithistorischen Unterricht angemessen zu vermitteln, sobald Schülerinnen und Schüler alt genug sind, all das zu verstehen. Außerdem: Fahrten in Gedenkstätten können immer nur das Ende einer guten, zeitgeschichtlichen Unterrichtseinheit sein. Denn wenn man da unvorbereitet hinfährt, könnte man genausogut zuhause bleiben.
Liberale Kritiker wenden dagegen ein, durch Besuche in KZ-Gedenkstätten würden Jugendliche mit Migrationshintergrund auf das Narrativ von der deutschen Schuld im Dritten Reich verpflichtet.
Brumlik: Sie sind Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland oder wollen es zumeist auch werden. Damit haben sie als künftige deutsche Bürger dieselbe politisch-historische Verantwortung zu tragen wie Kinder, deren Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern seit Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland lebten.
Seit Gewalttaten fürchten orthodoxe Juden, die Kippa in der deutschen Öffentlichkeit zu tragen. Wie groß ist die Furcht in den Gemeinden?
Brumlik: Ein höchst komplexes Thema. In Berlin beispielsweise wird vor Immigrantenvierteln gewarnt. Freilich erfolgt die Mehrzahl der Anzeigen eher in gutbürgerlichen Vierteln wie Wilmersdorf oder Charlottenburg. Vielleicht, weil Belästigungen dort mehr auffallen. – Richtig ist, dass orthodoxe Juden, die Kippa-Träger sind, Baseballkappen tragen, um öffentlich nicht aufzufallen.
