Römischer Wahnsinn
Heute morgen habe ich aus wenigen Metern Entfernung gut eine Stunde lang Papst Franziskus beobachtet, bei der Mittwochsaudienz, vom Journalistenplatz auf dem Bracchio Carlo Magno aus, dem südlichen der beiden Kolonnaden-Bauwerke, zur Fassade des Petersdoms hin. Ich habe dabei besonders auf die körperliche Fitness von Franziskus geachtet – denn in Rom machen böse, rabenschwarze Gerüchte die Runde.
Der »japanische Arzt«
Tatsächlich redet Stunden später – zu Beginn der Synodenpressekonferenz – Pater Federico Lombardi SJ erst einmal gefühlte zehn Minuten lang über einen Vorgang, der Teile der Medienwelt in Aufregung versetzt. Am frühen Morgen nämlich wurde ausgewählten Journalisten die Nachricht zugespielt, es habe in der Nacht einen geheimen Hubschrauberflug in den Vatikan gegeben, wie übrigens bereits im Januar. Ein »japanischer Arzt« habe den Papst untersucht. Dieser Arzt sei Fachmann für aussichtslose Krebserkrankungen.
Pater Lombardi, sichtlich genervt, dementiert offiziell und namens des Vatikans jedes einzelne Element der Räuberpistole, während der Münchner Kardinal Reinhard Marx, der gleich über den Fortgang der Weltbischofssynode berichten soll, schon auf seinem Stuhl hin und her rutscht. »Nein, es gibt keinen japanischen Arzt; nein, es gibt keinen geheimen Hubschrauberflug ...«, sagt Lombardi eindrücklich.
Böse Absichten
Die üble Lügengeschichte, ein Werk von fanatischen Franziskus-Hassern, ist Teil der hiesigen Wirklichkeit. Sie ist beliebig ausschmückbar: Der Papst sei nicht bei Sinnen. Er handle im Delir. Er haben nicht mehr alle Fünfe beisammen. Überhaupt, er sei ein todkranker Mann. Ein Unglück in der Kirchengeschichte; ein Pontifex, der 2013 nicht korrekt gewählt worden sei; ja, er sei ein Teufelsverbündeter, da er seine Hände beim Beten nicht richtig halte...
Dies ist der ganz alltägliche römische Wahnsinn. Kein närrischer Randstreifen, nichts zum Lachen. Sondern der böse Versuch, den verhassten Reformpapst Franziskus zu schwächen und zu vernichten.
Solch wahnsinniger Unfug zeigt Wirkung, bedauerlicherweise. Denn es gibt beispielsweise Medien für traditionalistisch-konservative Katholiken in Amerika, die gestützt auf solche Gerüchte den Vatikan im Untergang beschreiben. – Kein Dementi bringt den Unfug wieder aus der Welt. Vernünftige Leute nehmen solches Zeugs nicht wichtig.
Papst Franziskus übrigens ist erstaunlich fit. Erfreulicherweise. Am 17. Dezember wird er 79 Jahre alt. Er hat im Sommer wie schon in den Vorjahren keine Urlaubspause eingelegt.
Am heutigen Morgen geht er raschen Schritts vom Petersplatz zu seinem Stuhl auf den Treppen vor Sankt Peter hoch. Unmittelbar zuvor hat er eine halbe Stunde lang zu Fuß oder vom ungepanzerten Papamobil aus Menschen begrüßt, Kleinkinder geherzt und Rolli-Fahrer umarmt.
Und Kardinal Marx?
Anders als andere Synodenväter, die sich darin ergehen, wie schön Beratung bei den Verhandlungen sei, hat Reinhard Marx inhaltlich viel zu sagen: »The Synod is not a battle«, sagt er zum Beispiel, was darauf hindeutet, dass eben doch hinter den vatikanischen Mauern gekämpft wird.
Der australische Kurienkardinal George Pell geht davon aus, dass die Stimmverhältnisse für eine Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen entsprechend der Wortmeldungen zum Thema so etwa bei 20 zu 170 liegen. Marx ist da ganz anderer Ansicht, wie auch der deutsche Familienbischof, der Osnabrücker Franz-Josef Bode, oder Kardinal Walter Kasper. Kasper fightet am direktesten, Marx mehr diplomatisch für eine Öffnung der katholischen Kirche in dieser für so viele betroffenen Christen wichtigen Frage.
Marx wirbt dafür, dass die Kirche künftig mehr biblisch als kirchenrechtlich denkt, spricht und handelt im Blick auf Ehe und Familie. Die Wahrheit liege nicht im Generationen lang dominanten Kirchenrecht, die Wahrheit sei eine lebendige Person – Jesus Christus. Auf die zahlreichen Fragen des überbesetzten Pressesaals – so sehr zieht Marx – hat er Beispiele von Kuriosa aus dem Kirchenrecht parat. So habe er als Jungtheologe lernen müssen, dass selbst eine standesamtlich geschlossene Ehe von zwei Nichtkatholiken sakramental sei.... und das sei einfach bizarr.
Viel Wert legt Marx auf die Einstimmigkeit des im deutschen Sprachkreis – von den konservativen wie progressiven Synodenteilnehmern – erzielten Ergebnis. Dies verleihe dem Kerngedanken besonderes Gewicht, dass – gestützt auf den Heiligen Thomas von Aquin – die Doktrin nur im geduldigen Blick auf jeden einzelnen Fall angewendet werden dürfe.
Dies bereitet vermutlich einem Synodenausgang den Weg, bei dem die kirchliche Ehelehre bestehen bleibt, jedoch künftig nicht mehr schematisch, sondern nur noch »mit Klugheit und Liebe«, so der Heilige Thomas von Aquin, von Einzelfall zu Einzelfall herangezogen werden darf.
