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Recherchieren im Vatikan

Nicht bloß zu Synoden-Zeiten ist das journalistische Recherchieren im päpstlichen Rom spannend. Um so mehr, wenn man es schwerer hat als andere, da man von einer kritischen christlichen Zeitung kommt, wie Publik-Forum es ist. Persönliche Erfahrungen von unserem Vatikan-Korrespondenten Thomas Seiterich
von Thomas Seiterich vom 20.10.2015
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Papst Franziskus in diesen Tagen im Gespräch mit Bischöfen aus aller Welt: Die konservative Phalanx einiger Mitbrüder macht ihm schwer zu schaffen. Er versucht's mit Umarmungsstrategie. Ob das nützen wird? (Foto: pa/dpa/Fabio Frustaci)
Papst Franziskus in diesen Tagen im Gespräch mit Bischöfen aus aller Welt: Die konservative Phalanx einiger Mitbrüder macht ihm schwer zu schaffen. Er versucht's mit Umarmungsstrategie. Ob das nützen wird? (Foto: pa/dpa/Fabio Frustaci)

Liebe Leserin, lieber Leser des Publik-Forum-Blogs von der Weltbischofssynode über Ehe und Familie, seien Sie gewarnt! Denn dieser Blog-Beitrag wird ein wenig kurvenreicher sein als andere, die sich mit Theologie oder mit dem synodalen Kräftemessen beschäftigen. Dieser Text ist anekdotischer. Denn beim Thema »Wie bekommt man etwas heraus im Vatikan?«, muss ich erzählen und ein bisschen weiter ausholen.

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Trommeln im Petersdom

In der Osterwoche 1994 reiste ich zum ersten Mal als Journalist in den Vatikan, denn ich wollte über die Afrika-Synode berichten. Der kongolesische Theologieprofessor Benezet Bujo öffnete mir Newcomer die Türen. Abend für Abend lernte ich in den großen römischen Ordenshäusern neue, beeindruckende Kirchenfrauen und -männer aus den Krisenländern Afrikas kennen. Sie ließen sich auch interviewen. Das spielte sich auf Französisch ab – und war faszinierende Weltkirche pur.

Tagelang haben damals die »Tamburi«, die afrikanischen Trommlerinnen und Trommler geübt. Sie mussten wiederholte Kontrollen bestehen – doch dann kam der Durchbruch: Erstmals in den Jahrhunderten der Kirchengeschichte durfte in der Papstmesse in Sankt Peter getrommelt werden. Es war großartig und für mich unvergesslich, wie sachte und g anz leise die Trommeln anhoben und am Ende den riesigen Kirchenraum mit ihren Klängen füllten.

Am 6. April 1994 war ich morgens im Gästehaus der Päpstlichen Universität mit dem Präsidenten der Bischofskonferenz von Burundi zum Interview verabredet. Erzbischof Bernard Bududira war ein in Bürgerkriegen als Beschützer seiner Gemeinden erprobter Haudegen. Doch der unerschrockene Mann, ein Hutu, wurde kreidebleich, als der Anruf mit der Nachricht vom päpstlichen Außenamt im Staatssekretariat kam, die Präsidenten von Ruanda und Burundi seien im Landeanflug getötet, in Ruanda brächen die Massaker los. Natürlich war das Interview perdu. Doch ich bekam in den folgenden Schreckensstunden als stiller Beobachter die Beratungen mit, die verzweifelten, cleveren doch schließlich erfolglosen Rettungsversuche der an jenem Tag leider machtlosen Vatikan-Diplomatie. Doch die rastlosen Versuche der Römer, ihr »Hoffen wider alle Hoffnung« , erzeugten in mir Respekt.

Nach einer Woche halte ich die klerikale Luft nicht mehr aus

Seither komme ich jedes Jahr wieder als Berichterstatter an den sehr spannenden Ort Vatikan. Nur für ein paar Tage, als journalistischer Rosinenpicker, wenn es besonders Berichtenswertes gibt – so wie jetzt zur Welt-Familiensynode. Aber so etwa nach einer Woche halte ich die klerikale Luft nicht mehr aus.

Ohne Vertrauen geht nichts

Wie recherchieren? Das geht nicht ohne passables Italienisch. Als ein deutscher Kirchenberater und McKinsey-Fachmann vor Jahren vorschlug, man solle anstelle des Italienischen als »Working Language« künftig das Englische in Vatikan einsetzen, haben viele in Rom herzhaft gelacht. Wer kein Italienisch kann, versteht zum Beispiel die Scherze nicht, die beim Gespräch oder in den Pausen gemacht werden. Er ist ein armer Tropf. Das gilt auch für deutsche Bischöfe: Wer nicht Italienisch spricht, hat es nicht leicht im päpstlichen Rom.

Neben Sprachkenntnissen braucht es dringend das Annuario Pontificio, ein in roten Stoff gebundenes Buch mit Goldschnitt in Gebetbuchformat. Es fungiert als weltweites Adressverzeichnis der katholischen Kirche. Dieses Jahrbuch ist weit über tausend Seiten dick und enthält praktisch alles an statistischen Daten, Lebensläufen, Ups and Downs kirchlicher Würdenträger. – Natürlich gibt es das Annuario (für hundert Euro) nur auf Italienisch. Und nur auf Papier, nicht im Internet...

Nicht zu vergessen außerdem die Erkenntnisse der Vaticanisti. Das sind die vor Ort bestens eingeführten italienischen Journalistenkollegen, die kaum etwas anderes machen, als die Kirchenzentrale und deren Gebräuche, die aus vielen Jahrhunderten stammen, zu beobachten und darüber in den italienischen Zeitungen und Blogs zu berichten.

Und mittags »Der Engel des Herrn«

Wichtig wie die Sprache ist das Vertrauen. Denn die Vatikanleute sind erst einmal vorsichtig. Nicht wenige sind scheu. Als Journalist ist man nicht ihr Favorit. Und wenn man dann noch von einer kritischen Zeitung kommt... Vertrauen schaffen? Stets um zwölf Uhr mittags betet der gesamte Vatikan den »Engel des Herrn« – auf Lateinisch. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter treten aus den Büros und versammeln sich, während die Computer weiterlaufen. Ich habe immer mitgebetet: »Angelus Domini nuntiavit Mariae et concepit de Spiritu Sancto...«. Das hat meine Gesprächspartner nicht selten überrascht. Und es hat häufig das Eis gebrochen.

Miteinander Essen ist wichtig. Wenn man anschließend miteinander in eine der Trattorien rund um den Vatikan geht, zum Beispiel ins »Tre Mori«, zu den »Drei Mohren« (wo Kardinal Ratzinger immer besonders gerne war), dann laufen für den Journalisten die Dinge ziemlich gut. Viel wird erzählt – doch nicht zum Zitieren. Das Vertrauen muss bewiesen und gepflegt werden. Das braucht Zeit. Und es benötigt Fairness. Man sieht sich im seriösen Journalismus meist mehr als einmal im Leben. Und jemanden hereinzulegen wäre nicht der Stil von Publik-Forum.

Manchmal ist auch der Besuch einer stillen Frühmesse wichtig. Wenn man zum Beispiel zu jenem polnischen Kardinal, von dem man ein Interview haben möchte, in die Frühmesse geht, hat das noch meistens geholfen.

Vertrauen ist das Wichtigste. Der Vatikan ist ein personen-gestütztes System. Personen sind das Wichtigste. Es gilt, mit ihnen fair und pfleglich umzugehen – auch zum Wohl der eigenen Profession als Berichterstatter. Will man Vorgänge einordnen und Entwicklungen verstehen, führt kein Weg am Gespräch vorbei.

Also: Viva Roma Aeterna! Ihr Thomas Seiterich

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Personalaudioinformationstext:   Thomas Seiterich ist Vatikan-Experte von Publik-Forum. Er ist die ganze Woche über in Rom, um für Sie bis zum Wochenende (24./25. Oktober) live von der Familiensynode zu berichten. Täglich lesen Sie Einträge in sein Tagebuch hier auf www.publik-forum.de
Schlagwörter: Publik-Forum Vatikan
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