Eine Kirche voller Unterschiede
Für den sympathischen Jerusalemer Patriarchen Fouad Twal ist klar: Um scheiternde oder gescheiterte Ehen muss sich sich der Bischof kümmern. Denn in einem Teil der politisch zerrissenen Region, für die der jordanische Beduine Twal zuständig ist, gibt es keine zivile Ehe und keine Scheidung vor dem staatlichen Gericht. Man stelle sich solche Verhältnisse einmal in Deutschland, Österreich oder der Schweiz vor!
In den katholischen Gemeinden Jordaniens, Palästinas, Israels und Zyperns gibt es praktisch keine wiederverheirateten Geschiedenen. Und die Zahl der römisch-katholischen Gläubigen ist in der nahöstlichen Diözese von Fouad Twal so überschaubar, dass der Bischof jede Familie kennt – und folglich auch helfend eingreifen kann, wenn es gefährlich knirscht im Getriebe einer arabisch-katholischen Ehe.
Die Erzdiözese Wien zählt über 2,8 Millionen Katholiken, das Erzbistum Freiburg knapp zwei Millionen. Solche großen Kirchenbezirke bilden eine ganz andere Lebenswelt, sie erfordern ein ganz anderes Handeln.
Fouad Twal sagt, er könne die Not wiederverheirateter Geschiedener verstehen, das Thema aus den Kirchen der Ersten Welt, das auch die Pressekonferenzen beherrscht. Er wolle dieses Thema auch nicht wegdrücken. Doch viel mehr brennen ihm Fragen unter den Nägeln wie die zur Politik Israels, die seinen palästinensischen Familien das Leben schwermacht.
Im Übrigen zeigt er sich betroffen von einer Geschichte, die ein Synodenvater dieser Tage erzählte und die tiefe Nachdenklichkeit ausgelöst hat, bei den Beharrern wie bei den Erneuerern.
Berührende Geschichte von einem Erstkommunionkind
Sie ist schnell erzählt: Ein Erstkommunionkind nahm die Hostie, die ihm vom Priester gereicht worden war, in die Hand, es kehrte aber nicht damit an seinen Platz zurück sondern brachte sie nach weit hinten in der festlich geschmückten Kirche und teilte sie dort mit seinem Vater und seiner Mutter. Beide Eltern durften nicht selbst zur Kommunion gehen, denn als geschiedene Wiederverheiratete gelten sie nach der römischen Lehre als »schwere Sünder«. – Solche Geschichten entfalten Wirkung auf der Synode, die kristallinen Kirchenrechtler und die Dogmatiker schlagen dann für eine Weile weichere Töne an. Die tiefen Gräben zwischen Konservativen und Erneuerern – möglicherweise werden sie schließlich so überwunden. Jesus von Nazareth, der Herr der Kirche, verkündigte ja keine Paragrafen oder dogmatischen Traktate, sondern er erzählte wirkmächtige Geschichten.
Schwer auszuhalten ist es allerdings, wenn Kardinäle im »Alles-Paletti«-Stil die Lage bei sich zu Hause schildern. Kardinal Alberto Suarez Inda etwa, ein zerbrechlich wirkender 75-Jähriger, leitet seit zwei Jahrzehnten das Erzbistum Morelia im Bundesstaat Michoacán an der Pazifikküste von Mexiko. Anscheinend bildet die Verbesserung der Ehevorbereitungskurse das größte aktuelle Problem, so äußerte er sich in einem Statement.
Erst auf die Fragen von Journalisten erzählt Inda von der brutalen Wirklichkeit: Eine Million seiner drei Millionen Gläubigen leben als Arbeitsmigranten in den USA, viele davon illegal. Der Drogenkrieg in Mexiko, die organisierte Kriminalität und in deren Folge Arbeitslosigkeit und Verelendung treiben die jungen Erwachsenen fort. Die Ferne und die Fremde sind hart – daran scheitern dann viele Ehen. »Im Schnitt nur einmal pro Jahr treffen sich die Ehepartner«, sagt der Kardinal, denn die Kosten für die Reise seien hoch und der Weg sei sehr weit.
Afrikanische Kirchenführer beschuldigen den Westen
Afrikanische Kirchenführer schieben dagegen die Schuld für den Niedergang von Ehe und Treue nicht selten dem »dekadenten« Westen zu. Zum Beispiel der Vizepräsident der Synode, Südafrikas Kardinal Wilfried Fox Napier. Der Erzbischof von Durban ist Mitglied des Franziskanerordens. Doch der 74-Jährige ist eher eine königliche Erscheinung als ein zauseliger Bettelbruder. Im Kampf gegen die Apartheid sowie anschließend als geschickter Nationaler Unterhändler in der Übergangszeit vom Apartheid-Regime zur Demokratie in Südafrika erwarb sich Napier große Verdienste.
Auch Napier betont die Wichtigkeit von verbesserten Ehevorbereitungskursen. Erst auf Nachfragen erklärt er, die Ehe in der afrikanischen Tradition sei nicht der Lebensbund zwischen zwei einander liebenden Personen, Frau und Mann, »sondern die Verbündung zweier Großfamilien«. Deshalb werde so lange verhandelt, deshalb sprächen so viele mit. Deshalb auch werde ein in der Regel hoher Brautpreis ausgehandelt. Um den zu verdienen, müsse der Bräutigam dann teilweise sehr lange arbeiten, auswärts, in der Großstadt. Natürlich komme es vor der Hochzeit zu »Kohabitation«, also zu Phasen des Zusammenlebens. Doch diese seien Teil des Prozesses der Verheiratung.
Keine Freiheit bei der Partnerwahl
Wohlgemerkt: Der südafrikanische Kardinal spricht von einer Ehe, die verharmlosend formuliert, »arrangiert« wird. Die jungen Brautleute haben nicht das letzte Wort. Ja oft haben sie in der tristen Wirklichkeit keine Wahl. Wäre so ein Druck- bis Zwangssystem für Europäerinnen und Europäer akzeptabel?
Wird da die katholische Lehre nicht ausgehebelt? Das Tridentinische Konzil (das im Jahr 1545 begann) hat die obligatorische und eingehende Befragung beider Brautleute eingeführt: Heiraten sie wirklich freien Willens, und sind sie nicht bereits gebunden? Damit sollte vor allem die Braut vor Druck von außen geschützt werden. Bei dem, was Kardinal Napier, ein gemäßigter Führer der afrikanischen Konservativen auf der Familiensynode, durchaus zustimmend vorstellte, geht es mit Sicherheit afrikanisch zu – doch ist das noch römisch-katholisch?
Die Kontexte sind höchst verschieden, das zeigt sich täglich auf der Weltbischofssynode. Ehe in Köln ist eben etwas ganz anderes als Ehe in Nablus oder Ehe in Kwa Zulu. Das gilt ebenso für die sehr verschiedenen Formen von Kleinfamilie, Clan und Großfamilie. Um so wichtiger ist, dass am Ende der Synode in Text steht, der den Regionen der katholischen Kirche einen elastischen, vor Ort klugen und liebevollen Umgang mit den Eheleuten und allen unter ihre Ehe Leidenden ermöglicht.
